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Frauen machen sich das Leben unnötig schwer, findet Nicole Jäger, im Kulturforum gab sie Tipps für ein entspannteres Dasein. Foto: phs

Zoten, Witze, Weisheiten

Lüneburg. Im Gäste-WC wurde eigens eine Regenwasserdusche installiert, die Schubladen in der neuen, teuren Küche sind mit einem eindrucksvoll leisen Selbstauszugmechanismus ausgestattet, über der Wohnzimmer-Sitzlandschaft ist das Wandtattoo „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume! Carpe Diem!“ angebracht, und im Regal erinnern vier große, weiße Holzbuchstaben daran, dass hier dein HOME ist.

Nicole Jäger ist mittels einer handgefertigten, papiernen Einladung („Um Antwort wird gebeten“) zu einer Reihenhausparty ab 17 Uhr eingeladen, an der Haustür begrüßt die vierköpfige Familie plus Hund Schnuffi die Gäste mit einem lebensbejahendem Salzteig-Namensschild, das Buffet besteht aus einer low carb und einer veganen area und die Böden aus Schiffsplankenparkett (Vorsicht beim Wischen: das Holz quillt schnell auf). Wohin mit der Tupperdose und den Frikadellen, fragt sich die 36-Jährige, die sich zur Feier des Tages in Shapewear (früher: Mieder) gezwängt hat und nicht unbedingt mit der Gabe des Smalltalks ausgestattet ist.

Persönliche Botschaften und eine Portion Lebenshilfe

„Nicht direkt perfekt“ heißt das Programm der Hamburger Comedienne, das im beinahe ausverkauften Kulturforum Wienebüttel gut beim Publikum ankam. Und das neben einigen Pointen und noch mehr Zoten auch persönliche Botschaften und eine Portion Lebenshilfe bereithielt – allerdings schlitterten die nur haarscharf am „Carpe Diem“- Niveau entlang.

Wirklich witzig und pointiert ist Nicole Jäger immer dann, wenn sie aufdeckt, wie unnötig schwer sich Frauen das Leben machen, wenn sie beispielsweise mit ihren äußeren Unzulänglichkeiten wie knubbeligen Knien hadern. Kein Mann der Welt käme auf die Idee, sich Gedanken über vermeintlich hässliche Knie zu machen: „Die Dinger sind doch super. Da kann ich meine Beine schön mit knicken!“

Sex, Stellungen, Spielzeug

Auch ihre Erfahrungen mit Penisbildern, die sie offenbar in rauen Mengen von Verehrern zugeschickt bekommt, waren lehr- und hilfreich. „Wie soll ich auf diese Bilder reagieren? Selbst welche schicken? Am besten ein anderes Penisbild, ich hab ja eine große Sammlung.“

In der zweiten Hälfte ihres gut zweistündigen Programms ging es nahezu ausschließlich um Sex, Stellungen, Spielzeug, dirtytalk – je deftiger, desto lauter grölte das Gros des Publikums, das überwiegend aus „best agern“ bestand. Wobei Jäger zu Recht warnte: „Diese Bilder kriegt ihr so schnell nicht aus dem Kopf“! Ein wenig befremdlich und nicht immer authentisch wirkten ihre Appelle, sich nicht auf vermeintliche, äußere Unzulänglichkeiten zu beschränken, respektive reduzieren zu lassen und sich so zu akzeptieren, wie frau ist. „Liebt euch! Redet miteinander. Wartet nicht damit“. Ist alles richtig und sicherlich gut gemeint. Taugt aber genauso gut als gängiges Wandtattoo. Dann lieber Carpe Diem.

Von Silke Elsermann