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Birgit Becker und Raimund Becker-Wurzwalller machen seit zwölf Jahren Theater in Lüneburg. Foto: oc

Das Alter macht‘s möglich

Lüneburg. Mal kamen sechs Zuschauer, mal zehn. Hartes Brot für Künstler, hart für das Theater zur weiten Welt, als es sich vor zwölf Jahren entschloss, nach Lüneburg zu gehen und um Aufmerksamkeit kämpfen musste. Raus aus Berlin zog es die Theatermacher. „Ich wollte einen Garten“, sagt Birgit Becker, die mit Mann und Kollege Raimund Becker-Wurzwallner mittlerweile 25 Produktionen in Lüneburg zeigte. Die freie Bühne hat sich etabliert und nun besonderen Grund zur Freude. Er heißt „Bald sind wir alt“.

In der KulturBäckerei zu Hause

Dahinter verbirgt sich kein fertiges Stück, es wird vom Theater zur freien Welt entwickelt. Um die Idee bühnenreif machen zu können, reichten Becker/Wurzwallner ein langes Exposé beim Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur ein. Das vergibt eine mehrjährige Konzeptionsförderung – „als Spitzenförderung der freien Tanz- und Theaterszene“, heißt es in der Ausschreibung. Kulturpolitisches Ziel sind Ausbau und Stärkung der Professionalität sowie Kontinuität „der qualitativ überragenden freien Theater und der Spiel- und Produktionsstätten“.

Eine Heimat gefunden hat das Theater zur weiten Welt in der KulturBäckerei. Der Theatersaal wird von drei weiteren Bühnen bespielt: Das Thomas Ney Theater wird im Herbst wieder aktiv. Dazu kommt das Schauspielkollektiv von Thomas Flocken und Julia von Thoen, das sich auf Präventionstheater für junge Menschen spezialisiert hat. Großen Raum nimmt schließlich das Amateurtheater Rampenlicht ein. Das feiert heute, Sonnabend, Premiere mit Molières Komödie „Der eingebildete Kranke“.

Jedes Theater muss sein eigenes Profil entwickeln. „Wir konzentrieren uns in erster Linie auf möglichst aktuelle Stücke, auf politische Stoffe“, sagt Becker-Wurzwallner. Aktuell wird „Europa verteidigen“ von Konstantin Küspert gespielt, die Berufsbildenden Schulen haben gerade sechs Vorstellungen gebucht. Für 2020 planen sie Theater, das den Umgang mit Daten behandelt.
Daneben weben die Theatermacher leichtere und stärker literarisch geprägte Stoffe in den Plan, etwa von Daniel Glattauer. Das garantiert Publikum und Einnahmen. Zurzeit spielt Becker-Wurzwallner außerdem „Novecento. Die Legende vom Ozeanpanisten“, wieder vom 15. bis 17. und am 22. März in der KulturBäckerei.

Ein Themenstück mit vielen Stationen

Lange arbeitete das Theater zur weiten Welt mit Rüdiger Walter Kunze als Hausregisseur. Nach dessen Tod 2016 wechseln die Regisseure, wiederkehrend ist Laura Remmler im Einsatz. Zum schaupielerischen Kernteam gehören Agnes Müller, Leif Scheele und Henning Karge. Sie könnten wohl beim Altersprojekt dabei sein.

„Wir haben dazu noch eine soziokulturelle Schiene“, sagt Birgit Becker. Sie geben Theaterkurse, arbeiten mit Flüchtlingen und einiges mehr. Als freier Theatermacher zu leben und das in einer überschaubaren Region, das ist nur über eine Mischkalkulation zu schaffen.

Das nun geförderte Projekt „Bald sind wir alt“, was noch als Arbeitstitel zu sehen ist, hat ebenfalls einen soziokulturellen Hintergrund – die Alterspyramide. 2040 wird die größte Bevölkerungsgruppe von Menschen über 60 gebildet. Mit ihrem Beitrag wollen Becker/Wurzwallner die Augen öffnen. Sie bauen kein übliches Drama, sondern planen ein Stationenstück, für das sie die gesamte KulturBäckerei bespielen wollen. Ernst, nachdenklich, aber auch heiter sollen Fragen des Alters und des Alterns aufgegriffen werden. Die einzelnen Stationen sind bereits vorgeplant, aber alles ist im Fluss. Die Premiere ist für Ende September vorgesehen.

Aktuelle Stücke

Aktuell steht „Novecento“ auf dem Plan, die „Legende vom Ozeanpianisten“, der sein gesamtes Leben auf einem Schiff verbringt. Raimund Becker-Wurzwallner spielt den Mann noch vom 15. bis 17. und am 22. März, jeweils um 19.30 Uhr.

von Hans-Martin Koch