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Kristina Love spielt im Musical Tina Turner.

„Simply The Best“: So ist das neue Tina-Turner-Musical

Hamburg. „Tina — das Tina Turner Musical“ wird in Hamburg zum Triumph für Hauptdarstellerin Kristina Love. So ist das neue Musical von und über den Weltstar Tina Turner.

Sie hat alles ertragen. Eltern, die sie nicht lieben, primitiven Rassismus, 16 Jahre an der Seite eines Ehemannes, der sie ausnutzt, prügelt und betrügt, arrogante Plattenmanager, die sie zu alt finden, bittere Armut, Leere, Einsamkeit. Aber dann springt die Szene um: gleißendes Licht, Showtreppe, krachende Band. Sie ist ganz oben, „Simply The Best“. Tina Turner, das ist ab sofort Kristina Love. Es ist ihre Show, die schon bei der Medienpremiere im Stage Operettenhaus die Leute von den Sitzen holt.

Der Zeitpunkt passt. Tina Turner wird in diesem Jahr 80 Jahre alt, vor zehn Jahren ging sie auf Abschiedstour. 180 Millionen Tonträger und Hits von ungebrochener Energie dokumentieren ihren Erfolg. Ein Tina-Turner-Museum steht in Tennessee, und nun rock’n’rollt ihr Leben als Musical ab — nach London in Hamburg. Tina Turner, die mit ihrem Mann Erwin Bach zurückgezogen in der Schweiz lebt, hat das Stück mitentwickelt und gratuliert nun auf der Bühne am Hamburger Kiez ihrer Darstellerin.

Das Musical: Plakativ – aber eine Geschichte der Stärke

„Tina — das Tina Turner Musical“ erzählt in schnellen Schritten von langen Schatten und spätem Glanz. Das Musical ist chronologisch aufgebaut, die Bilder eines oft bitteren Lebens gleiten mit offenen Umbauten in kurzen Sequenzen ineinander. Plakativ und doch effektiv wird spürbar, wie Tina Turner viel Schwere und Fremdbestimmung erleidet, bis sie zur eigenen Stärke findet.

Es ist natürlich die Musik, die Anna Mae Bullock aus Nutbush (Tennessee) rettet. Anders kann es ein Musical nicht zeigen. Wesentlich kommt der buddhistische Glauben hinzu, der Tina fokussiert und Kraft gegen alles Widrige gibt. Das zu zeigen, dürfte der realen Tina Turner sehr wichtig gewesen sein.

Ike Turner hat aus „Little Anna“ Tina Turner geschaffen, das muss man ihm lassen. Er hat sie künstlerisch aufgebaut und zugleich menschlich ruiniert. Als Tina Turner in den 80ern fern von Ike mit über 40 Jahren und dem Album „Privat Dancer“ zum Weltstar aufsteigt, erfindet sie sich neu, krempelt auch den Look von Sex und Wildheit um. Er hat Kritiker zu Äußerungen verführt, für die sie heute gekündigt würden, und er hatte nie etwas mit der Realität hinter der Fassade zu tun.

Tina Turner: Es sind die Hits, die bejubelt werden

All das zeigt das Musical, aber es sind denn doch die Hits, die bejubelt werden — „Proud Mary“, „We Don‘t Need Another Hero“, „What‘s Love Got To Do With It“ und wie sie alle heißen. Der ganze Abend wäre dabei nichts ohne die Frau, die Tina Turners Power in Stimme und Tanz zu 99,99 Prozent rüberbringt. Kristina mag eine Menge Musical-Erfahrung besitzen, aber das ist die Rolle ihres Lebens. Sie hängt sich faszinierend rein, wird nach jedem Song bejubelt, es gibt schon während der Show Standing Ovations, am Ende sowieso.

Alle anderen fallen in dem von Phyllida Lloyd geschmeidig inszenierten Stück denn doch deutlich ab. Die Härte von Tinas Mutter Zelma, noch auf dem Totenbett, bringt Adisat Semenitsch gut auf den Punkt. Nikolas Heiber spielt mit Witz den Manager Roger Davies, der ab 1980 Tina Turners Weg an die Spitze bahnt. Tinas heutigen Mann Erwin Bach verkörpert Simon Mehlich glaubhaft, und Mandela Wee Wee vermittelt den Jähzorn des gewalttätigen Ike Turner.

Die Band ist noch zu nennen, sie spielt großartig, treibend und nicht für empfindliche Ohren. Rockmusicals wie dieses erobern mehr und mehr die Bühnen. Schon rollt „Hamilton“ auf Hamburg zu, das erste Hip-Hop-Musical. Bis dahin wird „Tina“ Kristina Love gefeiert — „she don’t needs another hero“.

Von Hans-Martin Koch