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„Stimmengefecht“: Szene mit Claudia Rietschel (Mitte) und Júlia Cortés (oben). Foto: tamme/theater

Das Leben ist eine lange Reise

Lüneburg. „Er sagt, er kennt die Angst vor dem Tod der Liebe nicht.“ Und: „Er sagt, er hat Angst vor dem Tod der Liebe.“ Weiterhin: „Er sagt, dass Liebe der Tod ist, die Angst ist“, beziehungsweise „dass der Tod die Angst ist, die Liebe ist.“ Wie denn nun? Überwindet die Liebe die Angst vor dem Tod und ist dann ewig?

Das sind Zeilen aus einem Gedicht der argentinischen Lyrikerin Alejandra Pizarnik (1936-1972). Pau Pérez Piqué, Tänzer am Theater Lüneburg, hat sie zum Mittelpunkt einer eigenen Choreographie gemacht: „Que se muere“, das ist das Ringen um die Liebe und um inniges Verständnis, aber da sind auch Verwirrung und Verletzung, getanzt von zwei Frauen und zwei Männern, musikalisch (aber eben nur musikalisch) eine reine Flamenco Nummer: Nirgendwo liegen Liebe und Tod dichter beisammen als in der spanischen traditionellen Musik.

Eine Bühne für Experimente

„Kunst ver-rückt Tanz“, das ist längst ein bewährtes Format im Theater: Einmal pro Saison haben die Tänzer/innen des Hauses Gelegenheit zu experimentieren, eigene Arbeiten zu realisieren, Ideen auf die Bühne zu bringen, ohne dass es gleich perfekt und abendfüllend sein muss. Abendfüllend waren – zusammengenommen – zehn Beiträge, die allesamt mit langem Beifall und Jubel aufgenommen wurden. Und natürlich gilt auch diesmal: Die ersten Vorstellungen im T.3 sind ausverkauft.

Kulissen und Requisiten werden meist nur sparsam eingesetzt, das geht ja bei der schnellen Szenenfolge auch gar nicht anders. Zwei, drei oder vier Künstler/innen, viel Platz für die fließende, getanzte Energie, pointierte Lichteffekte, exquisite, mit Bedacht zu kleinen Suiten geordnete Musik, das macht den Charme aus. Ruckzuck sind zwei Stunden vorbei.

Die Themen der Choreographien ähneln sich. Das Leben ist eine Reise, aber niemand kennt den Fahrplan. Begegnungen werfen uns aus der Bahn, Entscheidungen erweisen sich als falsch, aber vielleicht doch eines Tages als richtig, wer weiß das schon? Jeder hat, wie es so schön heißt, sein Päckchen zu tragen, und dieses Päckchen wird (in der Form von zwei modernen Reisekoffern) in einer Choreographie auf der Bühne geöffnet: Sie enthalten Stoffbahnen, von den Akteuren wie Schleppen getragen, bestickt mit Symbolen von Erfahrungen, Ereignissen und Erinnerungen. Und es gibt eine starke, eindringliche Adaption eines klassisch-griechischen Stoffes „Me Dea“, gemeint ist natürlich Medea, eine Frau zwischen Liebe und Staatsräson, in diesem Fall auf der Basis der Tragödie von Euripides.

Ein Programm ist kein Ballettführer

Das sind recht konkrete Hinweise, meistens bleibt es bei Andeutungen, auch der Programmflyer ist nicht gerade ein Ballettführer. Muss er auch nicht, zeitgenössischer Tanz ist kein Erzähltheater, Schönheit liegt im Auges des Betrachters, und Geschichten entstehen im Kopf. Man/frau darf sich übrigens auch, ohne permanent zu reflektieren, zurücklehnen, die pure Schönheit des Abends genießen und die Leistungen bewundern.

Zehn Tänzer/innen zeigten sich bei der Premiere von ihrer schönsten und besten Seite als Ideengeber und empathische Akteure: Rhea Gubler, Claudia Rietschel, Júlia Cortés, Gabriela Luque, Sarah Altherr, Pau Pérez Piqué, Wout Geers, Phong Le Thanh, Francesc Marsal und Wallace Jones. Als Gäste das BlackOut Tanztheater unter der Leitung von Francesc Marsal und der Fit in Music Chor. In einer Inszenierung darf es etwas opulenter zugehen, auch das gehört zum vertrauten Format. Möge es lange Bestand haben.

Von Frank Füllgrabe