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Energiegeladene Erzählerin: Adriana Altaras als Gast von Lünebuch. Foto: t&w
Energiegeladene Erzählerin: Adriana Altaras als Gast von Lünebuch. Foto: t&w

Das Flüstern der Souffleuse

Lüneburg. Adriana Altaras, Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, ist ein Energiebündel, eine Frau, die immer etwas zu erzählen hat. „Die Menschen plaudern mit mir gern über ihre Lebensgeschichten“, sagt sie – das war auch die Basis für „Die jüdische Souffleuse“. Es ist eine im Kern wahre Begebenheit, beteuert die Autorin, auch wenn sie bei ihrer literarischen Erarbeitung des Stoffes natürlich hier und da ein bisschen etwas hinzugefügt oder weggelassen hat. Ein „Opferbuch“ soll es nicht sein, davon gebe es schon längst genug, und doch ist die Geschichte der Souffleuse – im Buch heißt sie Susanne, genannt Sissele – eine besondere.

Sissele ist erst ein Jahr alt, als ihre Eltern, Opfer der Shoah, im Jahr 1953 aus Israel nach Deutschland zurückkehren. Verwunderung ist hier am Platz, denn gab es das wirklich, Menschen jüdischen Glaubens, die nach der Verfolgung in Hitler- Deutschland freiwillig in das Land ihrer Qual zurückkehren? Doch, sagt Altara, das gab es, und es kommt noch dicker: Nach der Rückkehr beginnen die Eltern ein unstetes Leben. Von einem Lager für DPs (Displaced Persons) geht es weiter ins Land, mal hierhin, mal dorthin, scheinbar auf der Suche nach – ja, wonach eigentlich? Das ist eine der großen Fragen, die auch Sissele sich stellt. Ihre Mutter verstirbt früh, durch Gewalttätigkeiten ihres Vaters, heißt es.

Als Halbwaise wandert sie durch die Welt

Sie selbst hat dazu noch keine eigene Wahrnehmung, sie ist viel zu klein. In der Folgezeit wird sie immer wieder bei Fremden untergebracht, ohne genau zu wissen, wo der Vater sich gerade aufhält und was er macht. In Auschwitz soll er in einem Sonderkommando tätig gewesen sein – diese Tatsache macht der Tochter das Leben unendlich schwer, denn die Mitglieder des Sonderkommandos waren im KZ dafür zuständig, die zum Tode Verurteilten in die Gaskammern und ihre Leichen wieder hinaus zu schaffen. Ein schweres Erbe, das die kleine Sissele mit sich herumträgt. Als Halbwaise wandert sie durch die Welt, von einer Pflegefamilie zur nächsten, auch bei katholischen Nonnen findet sie vorübergehend Unterschlupf.

Inzwischen lebt Sissele in Kanada

Bei alldem verwundert nicht, dass Sissele eine scheue, schüchtern wirkende Erwachsene wird, jemand, der mit der eigenen Identität Schwierigkeiten hat und haben muss. Am Theater, an dem die Ich-Erzählerin eine Mozart-Oper inszeniert, schlägt Sissele sich trotz ihres dünnen Stimmchens als Souffleuse durch. Sie ist schon eine ältere Frau, als sie auf die Ich – Erzählerin des Romans trifft. Es gibt Anfangsschwierigkeiten, doch die beiden Frauen freunden sich an. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, um die Geschichte von Sisseles Familie aufzuklären. Kein leichtes Amt, denn der Weg führt zurück an die Stätten des Grauens, an die Orte, die im Dritten Reich einen entsetzlich grausamen Ruf erworben haben.

Inzwischen lebt Sissele in Kanada und sei zufrieden, sagt Adriana Altaras. Und auch die Autorin ist inzwischen zurückgekehrt in das Leben, das ihr vertraut ist und das sie liebt: Sie inszeniert als Gastregisseurin Opern an verschiedenen Schauspielhäusern der Republik. Dort lebt sie mit dem bunten Volk aus Artisten und Künstlern aller Herkunftsländer und Nationalitäten: So lange, bis jemand wieder seine Lebensgeschichte erzählt.

Von Elke Schneefuß