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„Pyramide“ nennt Franziska Reinbothe eines ihrer Bilder, das Objekt geworden ist. Foto: t&w

Die Bildzerlegerin

Lüneburg. Am Ende des Ganges steht ein Bild auf dem Boden, wie achtlos abgelegt, der Rahmen eingetreten, Sperrmüll. Das ist also das Ende der Kunst, und es stimmt ja: Erben werden Container ordern und Massen von Bildern, die in Ateliers stauben, entsorgen. Bitter, aber wahr. Ob das auch eines fernen Tages Franziska Reinbothe treffen wird? Sie hat das getretene Bild im Heine-Haus in Szene gesetzt und viele mehr, mit denen sie fragt, was ein Bild eigentlich ist, was es bedeuten kann und was auch nicht. Die Künstlerin aus Berlin, 1980 geboren, lebt in Leipzig. Ihre Ausstellung beim Kunstverein im Heine-Haus nennt sie „Bei genauer Betrachtung“.

Zuerst aber ist nicht das Auge gefordert, sondern das Ohr. Im großen Raum hat Franziska Reinbothe den Teppich aufgerollt, das hat Folgen. Denn jeder Schritt auf den ohnehin knarrenden Bohlen wird nochmal akustisch verstärkt und lenkt zumindest zum Einstieg ab. Dann aber rückt ins Zentrum, was Franziska Reinbothe malt, näht, faltet, knittert und schraubt. Ausgangspunkt sind in der Regel selbst gemixte Farben, auf Leinwand gestrichen, auch mal auf transparentes Material. Das ist die Basis ihrer Kunst, mehr nicht.

Das Bild wird Objekt

Zwei riesige Bildflächen, aus dem Keilrahmen genommen, werden zu einer Art Überwurf. Leinwände auf kleineren Formaten wirken wie aufgeplatzt, wie aufgeschlitzt. Das ist nicht neu, aber die Schnitte sind nicht so auf Ästhetik getrimmt wie bei Lucio Fontana, der in der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg das Bild in den Raum erweiterte.

Franziska Reinbothe dreht ein anderes Bild einfach um, statt Farbe dominiert dann die Konstruktion des Holzrahmens. Das Bild wird Objekt. Am weitesten geht die Malereizerlegerin in der „Pyramide“. Der Keilrahmen ist zerbrochen, ragt in den Raum; das Bild bzw. Fläche, Farbe und Material knautschen sich drumrum.

Produktive Zerstörung

Vom kontrollierten Zufall sprach bei der Eröffnung Nadine Grünewald vom Kunstverein für Mecklenburg-Vorpommern und von produktiver Zerstörung. „Bei genauer Betrachtung“ ist das exakt nachzuvollziehen – und passend zum Konzept des Kunstvereins in diesem Jahr. Dekonstruktion sei ein Thema, um das sich die geplanten Ausstellungen drehen, sagte die Kunstvereins-Vorsitzende Angela Schoop.

Die Ausstellung öffnet sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Zur Finissage am Sonntag, 31. März, um 11.30 Uhr erscheint eine Publikation mit einem Text von Reinhard Ermen.

Von Hans-Martin Koch