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Simone Fezer zwischen Herzen, Schläuchen Blumen in einer der Installationen, mit denen sie in der KulturBäckerei Besucher zum Rätseln, Assoziieren, Diskutieren bringen wird. Foto: t&w

Die Verletzlichkeit der Welt

Lüneburg. Alles schon gesehen? Das nicht. Schon dieser Titel: „precarious perch“. Prekärer Barsch? Die Künstlerin Simone Fezer klärt auf: Perch, das ist in weiterer Bedeutung so etwas wie ein Hochsitz, es kann Standpunkt bedeuten und eine Sitzstange meinen, wie für Hühner. Der Titel zielt auf das Hauptwerk einer spektakulären Ausstellung in der KulturBäckerei über die Verletzlichkeit der Welt. Sie wirkt möglicherweise verstörend, wird sicher ein Gewitter der Assoziationen hervorrufen und Diskussionen.

Auf ein Gerüst aus zusammengenagelten rohen Latten hat Simone Fezer zeltartige, zusammengeflickte Behausungen gesetzt, viel gefundenes Material genutzt. Es braucht nur einen Tritt, schon bricht das fragile Gebilde zusammen. Simone Fezers Welt ist unruhig, unwirtlich, nach oben aber wachsen aus den provisorischen Unterkünften Glitzertürme heraus. Das lässt sich politisch verstehen, das Gefährdete, das Prekäre und das Reiche. . .

Utopie und Dystopie

Eine Art Rakete zielt auf die Behausungen, mit einem Feuerstoß aus leuchtenden Textilflammen. Bringt diese Rakete den Tod, bringt sie Menschen? Das Ganze hat etwas von Utopie und Dystopie und steckt voller Bezüge – auch popkultureller Art. Simone Fezers nennt als einen ihrer Lieblingsfilme „Blade Runner“. Das passt. Von „retrofuturistischer Raketenarchitektur“ war in einem Text über diese immer wieder dekonstruierte, umdefinierte und damit temporäre Raumarbeit zu lesen. Das Umformen ist ein Arbeitsprinzip Simone Fezers, die in ihrer Arbeit von Literatur, Mythen, auch religiösen Allegorien inspiriert wird.

Nichts ist so ganz eindeutig im Werk der in Raven lebenden, aus dem Stuttgarter Raum stammenden Künstlerin. Sie studierte lange in den USA, später auch im italienischen Murano. Die Insel vor Venedig ist berühmt für ihre Glaskunst. Was Simone Fezer aber mit dem geblasenen, frei geformten und immer neu erkundeten Glas macht, das hat so gar nichts mit Wohnzimmer-Deko zu tun. Dem äußerlich Schönen misstraut Fezer – „es muss immer einen Bruch geben“.
Im Zentrum ihrer ambivalent gehaltenen Kunst stehen aufwendige raumfüllende Installationen wie die Beschriebene. Glasplastik spielt dabei die Hauptrolle, aber vernähte Textilreste, Stahl, Blech, gerissene Wellpappe, Sperrholzbretter mit abplackender Farbe, Industrieglas und vieles mehr spielt mit.

Die Realität von Träumen

Ihre vom Material her improvisierten, aber konzeptuell komponierten Installationen sieht Simone Fezer als Bühnenbilder. Sie könnte sich auch Musik dazu vorstellen, sie habe so etwas Wagnerisches in sich, sagt sie. Ihre aufwendigen, großartigen Arbeiten wirken aber auch surreal, unterbewusst, aus ihnen spricht die Realität von Träumen.

Die zweite herausstechende Arbeit in der KulturBäckerei holt das Innere nach Außen, handelt unmittelbar vom Menschen, von Fleisch und Blut und Herz. „Flowering out into the World (Feed)“ heißt sie. Die englischen Titel sind ihrer USA-Zeit geschuldet. Zu sehen ist eine Art Labor, Herzen liegen offen, mit Schläuchen verbunden. Dahinter hocken gläserne Menschen in meditierender Sitzposition. Das Freilegen des Herzens ist für Simone Fezer kein Bedrohliches, kein Sezierendes, die Schläuche können ja auch Lebensadern sein. Simone Fezer spricht vom „Überquellen der Fülle“, und das ist vielleicht das Problem, vor allem des Betrachters: die Überfülle der Bezüge.

Eine direkte Auseinandersetzung mit Simone Fezer, die auch einen Lehrauftrag an der Staatlichen Hochschule der Bildenden Künste in Stuttgart wahrnimmt, bereichert, öffnet Sichtweisen. Am Sonnabend, 24. März, um 15.30 Uhr gibt sie eine Führung, und zur Finissage am 5. Mai um 15.30 Uhr wird es ein Gespräch mit der Künstlerin geben.

Von Hans-Martin Koch