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Sandra Gerling als Sehende unter Blinden in der Regie von Kay Voges. Foto: Marcel Urlaub

Der menschliche Abgrund

Hamburg. Ewig kreist das Irrenhaus. Eine Epidemie hat die Stadt erfasst. Aus heiterem Himmel erblinden Menschen, ohne Grund, immer mehr. Die Blinden werden aussortiert, eingepfercht, die Armee erschießt jeden, der hinaus will. Die Opfer bleiben sich selbst überlassen, und die Apokalypse nimmt ihren Lauf an diesem drastischer nicht denkbaren Abend. Kay Voges hat ihn nach José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“ im Schauspielhaus angerichtet, regelrecht choreographiert. Mit einem Ensemble, das sich und sein Publikum an den Rand der Erschöpfung spielt.

Das sehr beeindruckende, desolate, kreisende Irrenhaus hat Pia Maria Mackert auf die Bühne gestellt. Hinein tappen zu Aussätzige gemachte Blinde, sie sind hilflos, panisch, desorientiert. Betten stehen da, Wasser tröpfelt nur als Dreckbrühe aus einem Hahn. Toiletten, Duschen, alles kaputt. Kay Voges öffnet, dem Roman des Nobelpreisträgers Saramago folgend, fortan die menschlichen Abgründe. Jeder kämpft für sich allein, um ein Stück Brot, um ein Bett und gegen den eigenen Verfall. Vergebens.

Alle Moral geht verloren

Bald sind die Körper in dieser menschlichen Katastrophe mit Kotz, Kack und Blut besudelt, die Kleider zerfetzt, die Menschen ausgemergelt, alle Moral geht verloren. Es kommt zu Gewalt, auch sexueller Art, zu Despotie, und immer wieder zu neuen Akten schreiender Verzweiflung. Nur wenige Inseln der Hoffnung behaupten sich in einem Szenario, das die Bilder eines Hieronymus Bosch ins Hier und Heute holt – und verblassen lässt.

Hoffnung verkörpert sich in einer Frau, die sich nur blind stellt, um ihren Mann, einen erblindeten Augenarzt, begleiten zu können. Sandra Gerling spielt die Frau, die gekleidet ist wie eine Seherin der Antike, die hier und da etwas die Not zu lindern sucht, doch wie gelähmt den Horror verfolgt. Spät, sehr spät, zu spät tötet sie den Mann, der mit diabolischer Lust Exzessen aus Raub und Vergewaltigung frönt, wie Alex in „Clockwork Orange“.

Das alles ist kaum auszuhalten, dabei extrem virtuos eingerichtet. Gesteigert wird die Wirkung dadurch, dass ständig zwei Kameras das Spielgeschehen umkreisen und die Bilder überlebensgroß projiziert werden. Nichts, was nicht gezeigt wird, auch nicht das Widerwärtigste.Voges führt bis ins Letzte konsequent vor, wozu der Menschen imstande ist. Es ist ein – fast ausschließlich – deprimierender Befund.

Die Bilder erschlagen

Was aber die Wirkung, die Tiefe des Abends ein beträchtliches Stück weit aushebelt, ist das gnadenlose Ausreizen des Reizes, des Machbaren. Die Bilder erschlagen. Sie teilen durch ihre Absolutheit weniger mit, als möglich wäre. Oft ist mehr das Making-Of zu bestaunen als Inhalt, Symbolgehalt und Philosophie der Vorlage.

Schließlich fackelt das Haus ab, die Wachen haben sich verzogen, die Blinden kehren zurück in ihre Stadt. Die Inszenierung wird weitgehend zum Hörspiel im Dunkeln, durch das 20 Minuten lang grelle weiße, momentweise blind machende Blitze zucken. Die Stadt liegt wüst und leer, die Läden sind geplündert, der Tod macht eifrig Ernte. Als das Sehen zurückkehrt, ist nichts mehr da, was das Hinschauen lohnt. Die Blinden haben nur die Apokalypse überlebt.

Die Menschen bleiben anonym in der „blinden Stadt“, die Schauspieler sind im Programmheft alphabetisch aufgelistet. Sie schaffen in pausenlosen zwei Stunden und 15 Minuten ein außergewöhnliches, super unbequemes Theaterereignis, das die um ein paar Saalflüchter dezimierten Zuschauer entsetzt und doch fasziniert.

Von Hans-Martin Koch