Donnerstag , 17. Oktober 2019
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Elisabeth (Tülin Pektas) widersteht der Maria (Beate Weidenhammer), die als Sexarbeiterin über die Runden zu kommen versucht. Foto: Theater/tonwert21.de

Der kleine Anteil am Leben

Lüneburg. Sie sagt diesen Satz immer wieder: „Ich habe den Kopf nicht hängen lassen“. Sie hat im Leben kein Glück, die Elisabeth. Sie will aber daran glauben, dass es irgendwann bei ihr ankommt, sie mag die Hoffnung nicht aufgeben. Die stirbt bekanntlich zuletzt. Auch dieser Satz wird fallen. Da steht sie nun, die Elisabeth, vorn auf der Bühne, verloren schaut sie ins Publikum. Unter ihren fast tonlos gesagten Worten steckt ein tieferes Wissen, das sie nach Kräften verdrängt. Man muss ja leben. Elisabeth ist die tragische Heldin in Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, diesem „kleinen Totentanz“, der nun am Theater zu sehen ist. Es ist der Abend von Tülin Pektas.

Horváth beschreibt 1932 angesichts von Inflation, Arbeitslosigkeit und aufflammendem Faschismus eine von Egoismus verrohte Gesellschaft, die in immer reicher und immer ärmer zerfällt, in der jeder nur auf seinen Vorteil schaut. Horváth ist ein Anwalt der Menschen, die am Boden der Gesellschaft kleben. Er schreibt über und für diejenigen, die aus dem Blechnapf fressen, wenn überhaupt was darinnen ist. Elisabeths Dilemma geht so: ohne Geld kein Wandergewerbeschein, ohne den Schein kein Geld, keine Arbeit, kein Glück, keine Hoffnung – und mit der Liebe wird es auch ein Desaster.

Volksnahe Sprache

Regisseur Thomas Ladwig findet eine passende Form für Horváths knappe, trotzdem emotionale, für eine kunstgedrechselte, trotzdem volksnahe Sprache. Die Szenen behalten einen fast lakonischen Klang. Das Stück fordert eine Gratwanderung zwischen unerbittlicher Tragik, stechender Kritik und groteskem Witz. Die Balance stimmt, auch wenn Szenenbeifall bei zwei komödiantisch aufgeheizten Szenen die Dichte der Inszenierung kurz bricht.

Bühnenbildnerin Martina Stoian hat eine hermetische Mauer aus großen Quadern auf die Bühne gestellt. Licht macht sie transparent, sodass (Spiel-)Räume entstehen. Im zweiten Teil verdichtet sich das Bild noch. Ladwig/Stoian sorgen dazu für poetische Elemente: Sie zeigen kurz die Welt von unten, und mehrfach erscheint schwarz maskiert ein Blumenverkäufer mit weißen Herbstastern –Totenblumen. Auch diese Ebene fügt sich wie die melancholischen Musikeinschübe wie selbstverständlich in den dicht gewebten Abend ein.

Sie lacht so gern

Alles aber steht und fällt mit der Hauptdarstellerin. Das ist Tülin Pektas – und wie sie das ist! Sie spielt die Elisabeth als junge Frau, die gewohnt ist, scheinbare Schicksalsschläge hinzunehmen, am Rand zu stehen. Um sie herum Kriegskrüppel, Trinker, Bettler, Straßenhuren. Sie will so weit nicht fallen, kämpft so leise wie zäh um ihren kleinen Anteil am Leben. Pektas zeigt auf eine zurückgenommene und zugleich hoch emotionale Weise, wie diese Elisabeth viel schluckt, wie das Leben und die Männer sie vergewaltigen, und wie Verzweiflung aus ihr herausplatzt. Da ist Elisabeth dann laut. Aber noch aus ihrem Lachen, und sie lacht so gern, schaut Traurigkeit hervor. Es ist sehr berührend, wie Tülin Pektas eine Sturzfahrt der Gefühle und Lebenschancen zeigt. Nichts, was sie macht, ist überdreht.

Um sie herum bewegt sich eine Menge an Figuren, die Thomas Ladwig wie die Vorlage mehr als (Proto-)Typen denn als psychologisch ausgedeutete Charaktere zeigt. Zyniker, Gewinnler, Intriganten, Selbstgerechte treten auf, lauter Opportunisten. Im Hintergrund schwelt die Nazi-Dikatatur, das wird in angedeuteten Bildern wie einem Fackelzug deutlich.

Einige dürfen dick auftragen

Die ernsthafteste Figur neben Elisabeth ist der Schupo, der sie heiraten will. Christoph Vetter spielt einen weichlichen, mutlosen Mann, der Elisabeth um seiner Karriere willen verstößt. Sie hatte ihm eine Gefängnisstrafe verschwiegen, die sie bekam, weil sie ohne Gewerbeschein arbeitete. Die Kleinen hängt man. . .

Einige dürfen dick auftragen, allen voran Philip Richert, der als polternder Präparator mit Blut und Eingeweiden hantiert wie andere mit der Blumenerde. Oder Beate Weidenhammer als zickige, mitleidlose Chefin, Matthias Herrmann als Oberpräparator. Er übernimmt mehrere Rollen wie Britta Focht, deren Frau Amtsgerichtsrat sich sehr bedeutend findet. Jan-Philip Walter Heinzel ist unter anderem ein schmierig herzloser Kriminaler, Paul Brusa der Mann, der Elisabeth aus dem Wasser zieht und geil darauf ist, in die Zeitung zu kommen – „mit Foto!“

Elisabeth verreckt derweil, der „kleine Totentanz“ ist nach gut zwei Stunden aus – und das Publikum erhebt sich zu langem Applaus.

Von Hans-Martin Koch