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Das Schleswig Holstein Musik Festival hat neuerdings drei Termine in Lüneburg. Intendant Dr. Christian Kuhnt und Pressesprecherin Laura Hamdorf (rechts) überreichten Lüneburgs Kulturreferentin Katrin Schmäl die neuen Plakate. Foto: be

Bach hat immer noch Potenzial

Lüneburg. „Wir gehen spielerisch über Grenzen hinweg“, sagt Dr. Christian Kuhnt, wenn er auf die Veranstaltungen des Schleswig-Holstein Musik Festivals angespro chen wird, die nicht in dem nördlichsten Bundesland stattfinden. Von Anfang an hatten sich die Veranstalter nicht an die Landesgrenze gehalten und Hamburg miteinbezogen. Schon im zweiten Jahr kam Lüneburg hinzu, und das ist bis heute so. In diesem Jahr finden in der Hansestadt sogar drei statt wie bisher zwei Konzerte statt. Dafür gebe es Gründe, erläutert der Intendant: „Zum einen ist es die gute Zusammenarbeit mit der Stadt, zum anderen das Audimax, das als neuer Veranstaltungsort mit seiner besonderen Akustik zusätzliche Möglichkeiten bietet.“

Verbindung von Tradition und Moderne

Genau dort wird Ulrich Tukur mit seinen drei Rhythmus Boys am 6. Juli auftreten. Der „lunatisch-verrückte Abend“ ist allerdings schon ausverkauft, denn der Vorverkauf der Festivaltickets läuft bereits seit Februar. „Wir haben in den ersten vier Wochen bereits mehr als 50 Prozent der Karten abgesetzt“, schwärmt Kuhnt. Werden Kulturveranstaltungen heutzutage eher kurzfristig gebucht, ist es bei der Marke SHMF anders, „da plant man seinen Sommerurlaub entsprechend“, schmunzelt der Intendant.

Und dass Einheimische rechtzeitig zugriffen, spreche für die Stadt und beweise, dass die Menschen dort gerne leben. Überhaupt wolle man mit dem Festival, das 1986 aus einer Bürgerinitiative entstanden war, zeigen, dass Kultur kein Luxusgut sein muss. Auch namhafte Künstler für Auftritte an kleineren Orten zu finden, sei nicht schwierig, da die Atmosphäre familiärer und der Kontakt zum Publikum intensiver sei. „Die Verbindung von Tradition und Moderne durch das Libeskind Auditorium und die Michaeliskirche versinnbildlichen die Vielfalt, die Lüneburg zu bieten hat“, erklärt Lüneburgs neue Kulturreferentin Katrin Schmäl.

Afro Cuban Night

Einen schwungvollen Abend verspricht auch die „Afro Cuban Night“ am 5. August im Libeskind Auditorium. Der Kubaner Omar Sosa ist ein Virtuose am Klavier und mischt mit der NDR Bigband eine Hommage an die Stars des Afro-Cuban-Bigband-Jazz an. „ Sosa lässt sich in keine Kategorie pressen“, betont Kuhnt. Er verbinde viele Elemente aus seiner kubanischen Heimat mit Jazz und World-Music-Elementen. „Das geht weit über das, was man mit Jazz verbindet, hinaus.“ Das Projekt „es:sensueal“ mit der NDR Bigband will das Publikum im Audimax kräftig in Wallung bringen.

Der Komponist des Festival-Sommers ist dieses Jahr Johann Sebastian Bach. Stargeigerin Janine Jansen rückt mit ihm ins Zentrum des Programms. „Warum Bach, da kennt man doch schon alles“ – diesen Vorwurf schmettert Kuhnt nonchalant ab: „Es gibt weit über 1000 Einspielungen und daher immer noch vieles zu entdecken. Beste Interpreten bis hin zu Breakdancern widmen sich seiner Musik, das wird viele zum Staunen bringen.“ Und ein Grund mehr, Lüneburg als Festivalort anzubieten, da Bach doch zwei Jahre als Michaelis-Schüler hier lebte. Als Wanderbursche war die Vollwaise von Arnstadt in Thüringen gekommen, 379 Kilometer. „Er hatte wahrscheinlich kein Geld für eine Kutsche“, vermutet Laura Hamdorf.

Mit drei Kantaten werden der Bach-Experte und -Enthusiast Ton Koopman und sein Ensemble Amsterdam Baroque am 18. Juli in der Michaeliskirche auftreten. Der Niederländer ist zudem Spezialist für Dietrich Buxtehude, den Bach einst von Lüneburg aus in Lübeck zu Studienzwecken besuchte, ebenfalls per pedes. Buxtehude war „quasi der David Garrett seiner Zeit“, erläutert Kuhnt.

Auch Hamburg liegt in Schleswig-Holstein

Hamburg wurde von je her in den Reigen der Festival-Spielstätten eingemeindet. Neuer Programmpunkt ist die Reihe „Moondog“, die an ungewöhnliche Orte einlädt. Zum Beispiel in die Halle 424 am alten Güterbahnhof im Oberhafenquartier oder den ehemaligen Wartesaal für Reisende der 1. und 2. Klasse des Kunstvereins Harburger Bahnhof, der mit hohen, stuckverzierten Decken tolle Klangerlebnisse verspricht.

Doch wer war Moondog? Ein New Yorker Straßenmusikant, der mit seinen Kompositionen einen unverwechselbaren Musikstil entwickelte, sogar mit der New Yorker Philharmonie auf der Bühne stand. Eine Einladung des hessischen Rundfinks brachte den Ausnahmekünstler nach Deutschland. Er blieb hier hängen, starb 1999 in Münster. Anlässlich seines zwanzigsten Todestages ehrt ihn das Festival mit fünf experimentellen Konzertformaten.

Von Dietlinde Terjung