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Sopranistin Luise Hansen (als Jakob) und Schlagwerker Clemens Bütje, hier mit Melodica, haben es sich im neuen Haus gemütlich gemacht. Foto: tonwert21.de/theater

Man kann nicht alles haben

Lüneburg. Unter dem Baum war ein Loch, und darin lebten – nein, keine Hobbits. Mit einem Loch im Boden begann Tolkien sein Epos „Der Herr der Ringe“. Hier aber geht es um Jakob und seine Eltern, die tatsächlich in so einer selbst geschaufelten Mulde leben müssen, also bitterarm sind. Als Jakob sich plötzlich etwas wünschen darf, fällt ihm trotzdem nichts ein. Das heißt, mit etwas Verspätung, dann doch: Schuhe, er läuft schließlich den ganzen Tag barfuß herum. Aber wie das so ist: Kleine Wünsche werden einmal groß und manchmal übermächtig.

Vom Fischer und seiner Frau

Das ist das Märchen vom Fischer und seiner Frau: Ein Fisch mit Zauberkräften erfüllt dem Fischer aus Dankbarkeit dafür, dass er wieder zurück ins Meer geworfen wird, jeden Wunsch. Doch die habgierige Gattin kennt keine Grenzen und treibt ihren Mann immer wieder zurück an den Strand, bis der ganze Traum platzt wie eine Seifenblase. So funktioniert auch die rund einstündige Kinderoper „Gold!“ von Leonard Evers, die jetzt im T.3 des Theaters Lüneburg Premiere feierte, inszeniert von Kerstin Steeb, konzipiert für Zuschauer ab sechs Jahren.

Die Sopranistin Luise Hansen und der Schlagwerker Clemens Bütje, der auch die musikalische Leitung inne hat, sprechen, spielen und singen durch das Geschehen. Barbara Bloch sorgte für märchenhafte, aber keineswegs überladene Ausstattung, an der die kleinen Premieren-Zuschauer erkennbar ihre Freude hatten, die aber trotzdem noch ein wenig Vorstellungsvermögen verlangt. Schließlich gibt es nur zwei Akteure, aber drei Protagonisten, zu erkennen an Mütze (Jakob), Kopftuch (Mutter) und gelber Sturmhaube (Vater).

Schuhe also? Kein Problem. Eine warme Decke, ein Bett? Natürlich. Immer wieder geht Jakob an den Strand, es wird ihm peinlich, aber die Wünsche der Eltern sind ja verständlich. „Die letzte Bitt‘, ein Haus zu dritt“, ein eigenes Dach über dem Kopf, wer will das nicht? Möglichst mit einem eigenen Zimmer für jeden? Immerhin hat die Familie ein Leben am Existenzminimum geführt, das ist keine Idylle. Die Geschichte stammt im Kern aus einer Zeit, in der Menschen an Kälte und Hunger krepierten und die Kindersterblichkeit groß war.

Die Musik ist vielseitig, bildhaft

Aber dann eskaliert die Sache ein wenig. Ein Schloss, natürlich mit Personal, eine opulente Küche, mit einem Thermo-Mix! Was tun in den großen, etwas gruseligen, langweiligen Hallen, in denen man sich kaum noch über den Weg läuft? Reisen! Ein Flugzeug bitte! Und so führt „Gold!“, die drei Familienmitglieder gehen inzwischen getrennte Wege, zu einem apokalyptischen Finale. Man kann eben nicht alles haben, da richten Hansen und Bütje mit viel Charme und Spielfreude ordentlich Chaos an auf der Bühne. Die Musik ist vielseitig, bildhaft, aber eben Oper, keine eingängigen Kinderlieder, auch hier sind die Kleinen ein wenig gefordert, was kein Problem zu sein scheint. Es gibt auch ein paar einfache Mitspiel-Elemente, was im Publikum ebenfalls gut ankam. Langer, dankbarer Applaus

Am Mittwoch, 17. April, 15.30 Uhr, können Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren im Theater einen Workshop mit anschließend „Gold!“ (18 Uhr) besuchen. Die Kinder lernen die Handlung kennen, spielen selbst, beschäftigen sich mit ihren Wünschen. Wo würde wohl ihr eigenes Märchen hinführen? Vermutlich in ein virtuelles Schloss.

Von Frank Füllgrabe