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Tournee-Auftakt im Lüneburger Audimax: Michael Wollny, Nils Landgren, Lars Danielsson und Wolfgang Haffner sind als „4 Wheel Drive“ unterwegs. Foto: t&w

Die glühende Posaune

Lüneburg. Als Keith Jarrett sein legendärens „Köln Concert“ gab, da saß er an einem zweitklassigen, maroden Piano, das ein Klavierstimmer in letzter Sekunde noch überhaupt einigermaßen spielfähig gemacht hatte. Manchmal muss man sich eben erst die Fallhöhe vergegenwärtigen, um ein großes Ereignis würdigen zu können. Nils Landgren spielte nun im ausverkauften Audimax in seiner Formation 4 Wheel Drive – „und fast“, so der gut gelaunte Posaunist, „wäre es ein Konzert mit 3 Wheel Drive geworden“. Denn der Flügel für Michael Wollny wurde auf den letzten Drücker angeliefert und stand, gerade noch rechtzeitig akkurat eingerichtet und gestimmt, auf der Bühne.

Und so gelang dem Quartett eine grandiose Premiere, es war tatsächlich der Auftakt einer neuen Tournee, begleitet von einem entsprechenden Album. Bezeichnenderweise trägt die Formation nicht den Namen Landgrens. Natürlich ist „Mr. Red Horn“, einer der erfolgreichsten europäischen Jazzmusiker, das Zugpferd – der Begriff bekommt bei einer Posaune eine schöne zweite Bedeutung. Aber sein schwedischer Landsmann, der Kontrabassist und Cellist Lars Danielsson, Schlagzeuger Wolfgang Haffner und Pianist Michael Wollny, der dann doch noch dabei sein konnte, sind allesamt erstklassige, empathische Solisten.

Präzision und Transparenz

Sie bekamen den nötigen Raum für eigene Kompositionen, für ausführliche Soli, die nicht einfach reihum durchgespielt werden, sondern sich ineinander verflechten, als Illustrationen einer ganzen bildhaften Geschichte zu begreifen sind. Die Songs entwickeln sich oft aus sphärisch verklärter Rätselhaftigkeit, ordnen sich zu kammermusikalische Strukturen, führen durch die verschiedensten Klang­räume, mit Loops, elektronischen Hall- und Echo-Effekten, landen schließlich in strahlendem Sonnenschein, in der Gegenwart.

Da ist ordentlich Druck auf dem Kessel, der Jazz dampft, das geht bis zu hämmerndem Rock‘n‘Roll-Piano, der Kontrabass pumpt die langen Schallwellen in den Saal, dann wird Haffners Drumset zur Schießbude mit Dauerfeuer. Und doch ist jede Note ein Treffer, denn bei aller Power sorgt das Quartett immer für Präzision und Transparenz, was von der trockenen Akustik des Audimax, immerhin konzipiert als Hörsaal für sprechende Menschen, wirkungsvoll unterstützt wird.

Es gibt zum Glück keine Pause

„Mr. Red Horn“ hat seinen Namen von seinem rot gefärbten Instrument, manchmal hat man den Eindruck, die Posaune glüht. Wobei das mit den Songs durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn Nils Landgren kann auch singen, in den balladesken Passagen erinnert seine Stimme an Paul Simon, das kommt eindrucksvoll in Billy Joels „She is always a woman“ zum Tragen, und in „Another Day in Paradise“ von Phil Collins. Ein andermal rollt 4 Wheel Drive zu „Lady Madonna“ und zu „Shadows in the Rain“. Rund zwei Stunden zaubert das Quartett nonstop, es gibt zum Glück keine Pause, nichts, was die Atmosphäre trüben könnte, die sich schon bei den ersten Takten entwickelte und den ganzen Abend über hielt. Standing Ovations, eine Zugabe.

Nochmal ein Nils, die Lüneburger JazzIG blickt bereits auf das nächste Gipfeltreffen: Am Donnerstag, 23. Mai, 20 Uhr, spielt der Trompeter Nils Wülker im Kulturforum Gut Wienebüttel. Mit ihm gehen Arne Jansen (Gitarre), Edward Maclean (Bass), Maik Schott (Klavier) und Simon Gattinger (Schlagzeug) auf die Bühne.

Von Frank Füllgrabe