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Josep Caballero Garcia und Friedrich von Mansberg laden zum Spiel mit den Geschlechterrollen. Foto: ff

Queer ist kein Label, sondern eine Lebensform

Lüneburg. Bis vor wenigen jahren war diese englische Vokabel bei uns fast völlig unbekannt, mittlerweile gehört sie zum alltäglichen Sprachgebrauch: „Queer“ bezeichnet – ursprünglich abwertend – Dinge, Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen. Inzwischen geht es vor allem um Geschlechter-Identität, um sexuelle Orientierung, um die Frage, was alles „dazwischen“ möglich ist, zwischen Frau und Mann – manchmal auch reduziert auf die Frage, ob öffentliche Gebäude eine dritte Toilette brauchen. Fest steht: „Queer ist trendy“, das sagt Josep Caballero Garcia. Am Donnerstag, 11. April, bringt er seine Inszenierung „Melancholia“ ins T.3 des Lüneburger Theaters.

Am Anfang steht Georg Friedrich Händels Heldenoper „Giulio Cesare in Egitto“ (in Deutsch einfach „Julius Cäsar“) aus dem Jahre 1724. Die einst von Kastraten gesungenen Frauenpartien des Barock macht Josep Caballero Garcia in ihrer Widersprüchlichkeit und in ihren inneren Spannungen zur Quelle seiner Regie, zu einer Szenen-Collage mit Tanz, Poetry Slam, Licht-Kunst, und natürlich mit Operngesang.

Seit 2006 lebt er in Berlin

Josep Caballero García studierte zeitgenössischen Tanz in Barcelona, am Centre National de Danse Contemporaire und beendete seine Ausbildung an der Folkwang Universät der Künste Essen. Seit 1994 ist er als Tänzer unter anderem bei Pina Bausch, Urs Dietrich, Doris Stelzer und Xavier le Roy tätig, seit 2006 lebt er in Berlin.

„Queer ist nicht mein Label, es ist meine künstlerische Praxis!“, sagt Garcia, der sein Ensemble entsprechend „Queerpraxis“ genannt hat. Zu Queerpraxis gehören unter anderem die Tänzer/innen Lea Martini, Sheena McGrandles, Enis Turan, die Komponistin Alexandra Holtsch, der Regisseur und Sänger Hubertus Wild sowie der Dichter und Komponist Black Cracker.

Es geht nicht darum, zwischen den Geschlechtern einen neuen Typus Mensch für das dritte Klo dingfest zu machen, sondern darum, die etablierten Normierungen in Frage zu stellen, das gesammelte Wissen zu sichten, der Uneindeutigkeit künstlerischen Raum zu geben. Manchmal scheint ein Mensch auf der Bühne zu singen, aber die Stimme kommt aus einer ganz anderen Kehle. Es geht um Täter und Opfer, um Macht und Liebe, die Händel-Oper ist mal klar zu erkennen (es wird sogar Cembalo gespielt), mal weniger – etwa dort, wo Wrestling ins Spiel kommt, diese seltsamen Shows, in denen der scheinbar kämpfende, tatsächlich eher ruppig tanzende Mensch auch eine erotische Aura bekommt.

Begleitet werden die Aufführungen von Nachgesprächen

„Eine Entdeckungsreise“ verspricht Friedrich von Mansberg, der Chefdramaturg hat die Produktion nach Lüneburg geholt. Der Hintergrund: Das Projekt Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes und der Behörde für Kultur und Medien Hamburg fördert die Zusammenarbeit freier Ensembles mit kommunalen Bühnen. In diesem Fall sitzt auch Kampnagel mit im Boot.

Melancholia steht drei Mal auf dem T.3-Programm: Premiere ist am Donnerstag, 11. April, 10 Uhr, gespielt wird dann noch um 20 Uhr und am Tag darauf, ebenfalls 20 Uhr. Begleitet werden die Aufführungen von Nachgesprächen, zur Diskussion bereit stehen Josep Caballero Garcia, Anne Kersting und Friedrich von Mansberg.

Von Frank Füllgrabe