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Hier entstehen neue Songs: Keyboarderin, Komponistin und Texterin Berit Neß im Proberaum. Foto: Jana Zett

Gute Zeit für Frauenbands

Lüneburg. An diese Klavierstunde damals kann sich Berit Neß noch heute gut erinnern, denn es gab Ärger. Die Lehrerin, eine hochqualifizierte Konzertpianistin, war nicht unzufrieden mit ihrer Schülerin – doch dann fiel ihr Blick auf deren Hände, unübersehbar prangte da ein Stempel vom letzten Disco-Besuch. Diese laute, aufdringliche, vordergründige Musik? Die Pianistin war entsetzt. Es half nichts, Berit Neß bekannte sich zum Pop. Heute blickt sie als Komponistin, Texterin, Arrangeurin, Keyboarderin und – trotz alledem – als Pianistin auf rund 25 produktive Jahre zurück, mit zwei eigenen Bands, unzähligen Auftritten und zwölf Alben. Das jüngste heißt „Symmetrie“ und wird am Sonnabend vorgestellt.

Klavier im Kinderzimmer

Im Brotberuf ist die gebürtige Wolfsburgerin Graphik- und Webdesignerin, betreibt mit Carolin George das „kreativ-kontor“ in der KulturBäckerei. Hier entstanden Bücher mit Titeln wie „Gotteshäuser“, „Leben am Fluss“ und „Radeln im Landkreis Lüneburg“, sich also mit der Region auseinandersetzen. Eigentlich wollte Berit Neß Kunst studieren, was ihr die Eltern ausredeten, also zog sie mit 18 Jahren zum Studium der Kulturwissenschaften nach Lüneburg und absolvierte eine Zusatzausbildung an der Akademie für elektronisches Publizieren in Hamburg.

Die Musik war damit nicht vergessen, immerhin hatte der Großvater ihr bereits vor der Einschulung ein Klavier ins Kinderzimmer gestellt. Berit Neß stieg in die Frauenband „best before“ (für „haltbar bis“) ein, schrieb „Early Morning“, ihren ersten Song. Aber: „Gitarrenlastige Rockmusik, da fühlte ich mich nicht glücklich“. Das war ganz anders, als sie 1994 die Sängerin Jana Zett kennenlernte, sie ist bis heute ihre musikalisch-kreative Partnerin. Neß & Zett gründeten „Laura`s Laughing“, wiederum eine reine Frauenband, „das war aber eher zufällig“. Laura war übrigens ein kleines Mädchen und großer Fan, der die Band sogar besser fand als die Kelly Family. Mehr ging nun wirklich nicht!

Wechsel zu deutschen Texten

Das Projekt entwickelte sich gut, „Frauenbands waren damals total angesagt“, erinnert sich Berit Neß. Gesungen wurde englisch, „auf Deutsch klang alles irgendwie nach Schlager“, immerhin vier CDs entstanden in jener Zeit, jedes Jahr eine. Dann war eine kreative Pause fällig.

2001 war das Geburtsjahr von magnolia (in Kleinschreibung), diesmal eine gemischte Truppe, nun wurde endlich deutsch getextet – auch auf Anraten der Plattenlabels. Deren Angebote wurden allerdings ausgeschlagen, „wir wollten unabhängig bleiben“, so Neß, „und auch nicht auf Tourneen geschickt werden“. Alle Alben entstanden in eigener Regie, das gilt jetzt natürlich auf für die EP „Symmetrie“. Der Stil? Irgendwo bei Yvonne Catterfeld und Ina Müller.

Der Mensch ist nicht symmetrisch

Als Musikerin hat Berit Neß ja eine solide Ausbildung. Aber als Texterin? Wer es einmal versucht, der weiß: Was so gefällig und selbsverständlich klingt, bereitet die meiste Arbeit. Aber da hat Neß keine Probleme, „es trifft mich in einem Moment, das ergibt sich“, da ist dann die Idee von einem Thema, ein Wunsch, etwa der Traum, fliegen zu können. „Ich versuche dann, im Vierviertel-Duktus zu sprechen“, und irgendwann reimt sich das Ganze und passt.

„Symmetrie“ meint in seinen sechs Songs eigentlich eher das Gegenteil: Der Mensch ist nicht symmetrisch, sondern ein ungleich gewichteter Gefährte, das Leben an sich ist schräg, und die Liebe? Da brauchen wir über Ausgewogenheit gar nicht erst zu reden. Das Sextett magnolia lädt also zum CD-Realease-Konzert, Sonnabend, 13. April, ab 19 Uhr im Theatersaal der KulturBäckerei.

Von Frank Füllgrabe