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Eine Art Maskottchen für das „Pilgerspuren“-Projekt stellt im Museum die jetzt angelieferte Replik einer Glocke aus der Wallfahrtskirche Bad Wilsnack da. Stadtarchäologe Prof. Dr. Edgar Ring nahm sie mit in Empfang. Foto: t&w

Pilgern im Norden

Lüneburg. Pressekonferenzen in Lüneburg sehen mitunter so aus: sechs kompetente Menschen auf dem Podium, ein Journalist. Dabei ist das Thema, das jetzt bei einer Tagung im Lüneburger Rathaus beleuchtet wurde, historisch bedeutsam und zugleich sehr zeitgemäß. Es dreht sich um das Pilgern, seine Ursprünge, seine Orte und seine Wege im deutschen Norden. „Pilgerspuren“ untersucht eine Tagung, sie begleitet ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt, bei dem die Museen Stade und das Museum Lüneburger kooperieren.

Jakobsmuscheln aus dem Schlamm

Ausgangspunkt ist der Stader Hafen. Bei Ausgrabungen tauchten aus Schlick und Schlamm erstaunlich viele Pilgerzeichen auf. Der Hafen sei nie ausgebaggert worden, darum sei die Fundmenge so hoch, sagt Dr. Sebastian Möllers, Leiter der Museen Stade. Pilgerzeichen waren, beginnend mit der Jakobsmuschel, im Mittelalter Massenware. Wer auf kurze oder längere Wallfahrt ging, trug an seiner Kleidung ein Zeichen, das einen Heiligen zeigte oder ein ihm zugeschriebenes Attribut. Größter Promi aller christlichen Pilgerzeiten war und ist der Heilige Jakobus. Auf dessen Spuren erreichen heute im Sommerhalbjahr täglich um die 2500 Menschen den Zielort Santiago de Compostela.

Jakobswege aber gab – und gibt– es quer durch Europa und dazu etliche andere Pilgerstrecken. Keiner kennt das Thema so gut wie Dr. Hartmut Kühne. Er leitet das Forschungsprojekt und die Tagung. „Pilgerzeichen verschwanden aus der Erinnerung“, sagt der Kirchenhistoriker, der unter www.pilgerzeichen.de eine Pilgerzeichendatenbank für die Zeit vom 11. bis 16. Jahrhundert eingerichtet hat. Zuletzt sei 1985 im Rahmen der „Stadt im Wandel“-Ausstellung relevant zum Thema geforscht worden. „Wir leisten jetzt etwas Grundlegendes, führen Forschungsansätze zusammen“, sagt Dr. Kühne.

Viele Wallfahrtskirchen sind längst verschwunden, mit der Reformation war zunächst einmal Schluss mit dem Pilgern im Namen von Heiligen. Zu „Wunderbrunnen“ etwa ins wendländische Sallahn zogen aber auch Lutherische. Ein Gedenkstein erinnert heute an den Brunnen, aus dem zuletzt 1681 heilende Kräfte geblubbert sein sollen. Zeichen für das Pilgern finden sich aber an vielen Orten. Prof. Dr. Edgar Ring, Lüneburgs Stadtarchäologe, verweist auf den Heiligenthaler Altar in St. Nicolai Lüneburg und auf eine Jakobus-Abbildung in der Kirche auf dem Bardowicker Nikolaihof.

Von Wunderbrunnen bis Wallfahrtskirche

Die Forschung des Projekts „Pilgerspuren. Orte.Wege.Zeichen“ gliedert sich in drei Teile. Die von Dr. Kühne federführend betriebene Forschung läuft über ein Jahr, Ende Juli endet sie. Den Stand der Dinge zeigt die Internetseite www.pilgerspuren.de, einschließlich einer Karte, die zu relevanten Orten führt, vom Wunderbrunnen bei Cadenberge bis zur Wallfahrtskirche St. Nikolaus auf dem Terrirtorium von Göttingen.

Teil zwei wird eine Doppelausstellung im Sommer 2020. In Stade wird es im Schwerpunkt um eine norddeutsche Pilger-Topographie gehen. Das Museum Lüneburg, im Projekt vertreten durch Dr. Ring und Museumsdirektorin Prof. Dr. Heike Düselder, stellt drei wesentliche Orte der christlichen Pilger ins Zentrum: Jerusalem, Rom, Santiago. Mit zum Budget von rund 400 000 Euro gehört eine umfassende Dokumentation. Sie wird etliche der Tagungs-Inhalte einbeziehen. Part drei wird ein kulturtouristischer Aspekt, der den Weg zu mehr oder weniger vergessenen Orten weist.

Zu den Förderern gehört die Klosterkammer Niedersachsen. Kammerdirektor Andreas Hesse betont, dass hier ein kaum erarbeiteter Bereich aufgehellt werde. Für die Stiftung Niedersachsen sei der Punkt Vermittlung wichtig, das sei mit den Ausstellungen gegeben, so Dr. Tabea Golgath, Referentin für Museen und Kunst.

Von Hans-Martin Koch