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Mischtechnik (Wachsmalerei und Terpentin, Ausschnitt) von Uwe-Jens Thomsen. Foto (Ausschnitt): ff

So hart wie Wachs

Lüneburg. Ein Schiff ist, erstens, zunächst einmal ein Schiff. Es ist, zweitens, in der Literatur, im Theater und in der Malerei aber auch ein gern gewähltes Modell für einen Staat, eine Gesellschaft: Unten leben die Armen, darüber die Reichen, und der Kurs wird ganz oben bestimmt. So gesehen ist Uwe-Jens Thomsen der Prophet einer düsteren Zukunft: Ein Wrack liegt auf trockenem Grund, gestrandet in einer glühenden, leeren, apokalyptischen Welt.

Ein gutes Bild braucht keinen Titel

Das Bild gehört zu der Ausstellung „Stationen einer Lebensreise“ in der Kreuzkirche: eine kleine Retrospektive rund um einen Maler, der nie als Künstler bezeichnet werden wollte, aber immer wieder Kommentare über Erlebtes und Empfundenes in die eigene Bildsprache übersetzte. Die Umweltzerstörung ist so ein Thema, Fehlentwicklungen in einer Landwirtschaft, die Tiere zu Funktionselementen degradiert, der kritische Blick auf die Kirche. Thomsens Witwe Marlis Otte und die Söhne Karsten und Volker Thomsen haben die Ausstellung eingerichtet.

Kriegsdienst, Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Flucht nach Berlin: Der Lebensweg des Uwe-Jens Thomsen, geboren 1929 in Lauenburg (Pommern), gestorben 2014 in Lüneburg, begann – wie bei so vielen seiner Generation – in heftigen Schlangenlinien.

Dozent der Fachhochschule

Dann begann er eine umfangreiche Ausbildung: Malerei, Illustration, Fresko, Grafik und einiges mehr, dazu Philosophie, Soziologie, Psychologie, Gesangs-, Sprach- und Bewegungsschulung. Außerdem betrat er die Bühne, als Mitbegründer des Zimmertheaters Wiesbaden. Er behauptete sich als Grafiker und Designer in der freien Wirtschaft, war Werbeleiter in der Mode- und Nahrungsmittelindustrie, in Lüneburg ist sein Name als Dozent der Fachhochschule und als Therapeut in der psychiatrischen Klinik Häcklingen ein Begriff.

Seine Kunst, die Thomsen selbst nicht so nennen wollte, war also wohl immer auf ein Ziel gerichtet – sei es, um jemandem ein Produkt schmackhaft zu machen, um kranken Menschen Halt zu geben, oder eben, um komplexe zeitgenössische Entwicklungen zu verdichten. Es sind keine Schwelgereien, sondern auf den Punkt gemalte Szenarien, auch wenn die Nachricht ein wenig rätselhaft bleibt und der Maler seinen Arbeiten keine Titel gab. „Ein Bild spricht für sich selbst, oder es taugt nichts“, das war seine Meinung.

Selbstporträt mit vielen Gesichtern

Thomsen verwendete vor allem eine Mischtechnik: Wachskreide auf Aquarellbütten, mit Terpentin aufgeweicht und in einen malerischen Duktus überführt. Expressive Bilder in leuchtenden Farben, hart wie Wachs – Signale, Warnungen, was zunächst ungeordnet wirkt, fügt sich bei längerem Hinsehen aus der Distanz zusammen. In der Ausstellungs-Abteilung Porträts gibt es Bilder, in denen Thomsen sein fundamentales handwerkliches Wissen zeigt. Das letzte ist ein Selbstporträt – wiederum in der grellen, schwungvoll verwirbelten Zeichensprache, da erkennt jeder Betrachter, wenn überhaupt ein anderes Antlitz, oder sogar mehrere. Aber der Mensch hat ja, unabhängig vom Äußeren, nicht nur ein Gesicht.

Die Ausstellung läuft bis 16. Juni. Sie wird am Ostersonntag, 21. April, gegen 11.15 Uhr, im Anschluss an den Gottesdienst, mit Musik des thomsen-Quartetts „4 Four Tune“ eröffnet. Öffnungszeiten: jeweils Dienstag und Donnerstag von 9 bis 11.30 Uhr oder nach Vereinbarung.

Von Frank Füllgrabe