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Kantor Joachim Vogelsänger sorgte bei Chor und Orchester für ausgewogene Klangschönheit. Foto: phs

Die Zuversicht siegt

Lüneburg. Immer gibt es Favoriten und Außenseiter. Das ist in der Kirchenmusik nicht anders als bei Kick & Co. Karfreitag heißen die Konzertfavoriten seit ewigen Zeiten Johannes und Matthäus. Die Evangelisten geben überragenden Passionsmusiken von Bach den Namen, die Werke füllen die Kirche. Es lohnte aber an diesem Abend in St. Johannis, Herz und Ohr zwei Kompositionen zu öffnen, die selten bis nie im Fokus stehen. Und dass es bei einem Karfreitagskonzert trotz seines ernsten Charakters Szenenapplaus gab, das zeigt zumindest, dass die von Joachim Vogelsänger getroffene Werkauswahl Eindruck machte.

Den spontanen Beifall in der sehr gut besuchten Kirche heimst Sopranistin Katarzyna Dondalska ein, als sie einen Spitzenton mit einem extrem gewaltigen Crescendo steigert und dabei wunderbar sicher auf dem sehr schmalen Grat zum Schrei bleibt. Das war einer von vielen emotionalen Kernpunkten in Beethovens einzigem Oratorium „Christus am Ölberg“. Das Werk konzentriert sich auf die Szene vor Christi Gefangennahme, umkreist Jesus‘ Ringen mit seinem Schicksal und ist als „opernhaftes Psychodrama“ zu verstehen. So schreibt es Verena Großkreutz im Programmheft, so bringen es Kantorei, Solisten und Concerto Brandenburg in Vogelsängers sehr umsichtigem Dirigat auf den Punkt.

Klang- und Sinnbalance

Es ist Vogelsängers Verdienst, eine Klang- und Sinnbalance herzustellen, die all die szenischen und deutlich opernhaften Elemente zu einer Einheit führt. Der Inhalt, der hinter der effektvollen Musik steht, bleibt jederzeit spürbar, beginnend mit dem Orchester-Intro, das inneres und äußeres Drama ausdrückt und so den Charakter des Folgenden vorgibt.

Die Solisten stehen im Zentrum. Tenor Simon Bode setzt die Jesus-Partie optimal einfühlsam um, vermittelt Furcht und Erdulden, Friedfertigkeit und innere Stärke. Bass Matthias Vieweg kann in den Petrus-Worten mit seiner großen, schlank geführten Stimme und mit präziser Aussprache – wie vor Tagen bei der Bach-Passion in St. Michaelis – seine gestalterischen Qualitäten ausspielen. Die Sopranistin schließlich bringt als Gottesbote Seraph wiederholt dramatische Klangklasse zum Einsatz.

Sieg des Lebens über den Tod

Aus dem Chor stechen die beherzt singenden, präzise vorbereiteten Männer hervor, die als Krieger und als Jünger Brutalität und Jammer ausdrücken. Dass Beethovens Werk hymnisch im „heilgen Jubelton“ endet, krönt den Abend. Simon Bode als Jesus ist da musikalisch nicht mehr gefordert, bleibt aber auf dem Podest stehen und symbolisiert so den Sieg des Lebens über den Tod.

Eingangs erklang das „Stabat mater“ von Joseph Haydn. Ein Werk, bei dem ebenfalls Opernelemente Akzente setzen. Allerlei Koloraturenläufe sind zu meistern, wirken aber im Vergleich zur Bethoven-Komposition aufgesetzt und effektheischend. Die Solisten, hier auch die herzerwärmend singende Altstin Helena Poczykowska, bekommen bei Haydn ausgiebig Gelegenheit, sich in Szene zu setzen. Eine zwingende musikalische Idee mag dem Werk fehlen, die von Joachim Vogelsänger fein ausgewogenen Sätze leuchten von innen heraus. Daran hat der Chor mit Emotionalität und Klangfülle entscheidenden Anteil, er ist das Herz des Werks.

Am Ende also haben die Außenseiter einen richtig guten Tag gehabt. Das Publikum gibt den Ausführenden begeister Beifallt. 2020 könnte in St. Johannis dann trotzdem wieder ein Favoritenjahr werden.

Von Hans-Martin Koch