Donnerstag , 21. November 2019
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Recherche muss sein: Martha Sophie Marcus mit einem Plan von London aus dem frühen 18. Jahrhundert. Foto: ff

Ladys, Women and Maids

Lüneburg. Nun haben die Briten also einen Rübenkopf als König. So jedenfalls wird King George I von seinen Untertanen genannt, hinter vorgehaltener Hand natürlich. Der Regent kommt aus Deutschland und regierte dort als Kurfürst Georg Ludwig von Hannover. Im Jahre 1714 zog er in den St. James Palace, einen Buckingham Palace gab es in London noch nicht. Auch der Respekt vor des Königs Angehörigen hielt sich in Grenzen. Seine bezaubernde, gertenschlanke Mätresse Melosine von der Schulenburg wurde „Maibaum“ genannt, Georg Ludwigs füllige Halbschwester Sophie Charlotte von Kielmannsegg gar „Elefant“.

St. James Palace, das ist auch die Welt von Anne, die als Englisch-Lehrerin und als Zofe die Kinder des Königs betreut. Die junge, aus England stammende Frau hat ganz andere Probleme als ein paar unvorteilhafte Spitznamen. Sie sucht ihren unehelichen Sohn, der ihr wenige Wochen nach der Geburt weggenommen wurde, und fahndet nach dessen Vater, von dem nicht ganz klar ist, ob er überhaupt noch lebt. Dass er aus Schottland stammt, macht die Sache nicht leichter, denn dort planen die Jakobiten den Kampf um Unabhängigkeit von der britischen Krone, ihr Anführer wiederum lebt in Frankreich, im Exil. Und so ist den Engländern dann doch ein protestantischer Rübenkopf lieber als ein katholischer Unruhestifter.

Ein Rübenkopf als Regent

Das also ist die unruhige Zeit, in der die Schriftstellerin Martha Sophie Marcus ihre junge Heldin durch die engen Gassen von London taumeln lässt, einer lauten Metropole, in der die Fäden des British Empire zusammenlaufen. „Lady Annes Geheimnis“ (Bastei Lübbe) spielt am Vorabend des Bürgerkrieges, den King George von Großbritannien als durchaus kriegserfahrener Feldherr 1716 niederschlug und sich damit zumindest bei den höheren Ständen und bei den Regierungen der anderen europäischen Länder Respekt verschaffte. Im Volk blieb er der Rübenkopf.

„Lady Annes Geheimnis“ ist – nach „Das blaue Medaillon“ und „Das Mätressenspiel“ – der dritte Roman von Martha Sophie Marcus, der in der Epoche des Barock spielt. Die Geschichte führt von Venedig über Celle und Hannover nach London, die Romane sind aber nur lose miteinander verbunden und lassen sich unabhängig voneinander lesen. Wie immer hat „MSM“ die gesellschaftspolitischen Hintergründe und die personellen Verflechtungen der regierenden Familien ausführlich recherchiert und die Handlungsstränge streng an den historischenTatsachen ausgerichtet.

Abgabetermin für Roman Nummer zwölf

Kapituliert hat die Autorin vor den hauchfeinen Differenzierungen, die in der noblen Gesellschaft gemacht wurden. „Im Hofstaat“, so Martha Sophie Marcus, „gab es beispielsweise kleine, aber für die jeweiligen Damen wichtige Unterschiede zwischen einer Lady of the Bedchamber, einer Woman of the Bedchamber und einer Maid of Honour“. Da hat die Autorin ein wenig vereinfacht, um den Lesefluss nicht unnötig zu behindern. Kammermädchen Anne, die zwischen die englisch-schottische Front zu geraten droht, ist es sowieso gleich. Klar ist immerhin: Es wird ein happy end geben, das ist MSM ihren Leserinnen schuldig.

Das „Geheimnis“ erscheint Ende Mai, über Leseproben wird bereits jetzt im Web diskutiert. Es ist, da muss die Lüneburger Autorin erst nachzählen, bereits ihr elfter Roman. In Gedanken – und am Schreibtisch – ist Martha Sophie Marcus längst bei Nummer zwölf, der Abgabetermin rückt schon wieder bedrohlich näher, und es sind noch einige hundert Seiten zu schreiben. Fest steht: Er spielt im deutschen 19. Jahrhundert, in der Hochphase der reichlich düsteren industriellen Revolution.

Von Frank Füllgrabe