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Anja Weinberg. Foto: t&w

Wo gehe ich hin?

Lüneburg. Es ist nur eine Randbemerkung, auch etwas flapsig, aber sie steht doch für die drei Monate, die Anja Weinberg in Lüneburg verbracht hat. „Ölmalerei hat mich geflasht“, sagt die Künstlerin, die im September 2018 als Uwe-Lüders-Stipendiatin in die Stadt kam. Jetzt stellt Anja Weinberg in der KulturBäckerei vor, was sie in ihrer Lüneburg-Zeit geschaffen hat, was sie weiterhin bewegt und auch, was ihre Kunst sonst ausmacht. Das war bisher nicht das Malen mit Öl, sondern das Anwerfen der Kettensäge.

Denn eigentlich ist die 1970 in Wesel geborene Anja Weinberg Bildhauerin. Mitgebracht hat sie in die KulturBäckerei auf Sockeln platzierte Menschen aus vielen Kulturen. Sie stehen aufrecht, verkörpern Herkunft, Tradition, Stolz. Sie tragen spürbar eine Geschichte in sich, die wir uns aber selbst erzählen müssen, und sie schauen in eine ungewisse Zukunft – wo gehe ich hin? Diese Figuren sind Anja Weinbergs Plädoyers für die unantastbare Würde jedes Menschen. Bedeutung, Inhalt, Aussage sind der Künstlerin wichtig.

Figur und Porträt, Seestücke und Ornamente

Die Kettensäge blieb in Wesel. Die Stipendiatenwohnung im Rote-Hahn-Stift ist kein Atelier. Alle, die dort sorgenfrei Kunst schaffen können, müssen sich mit den engen Räumen arrangieren. Anja Weinberg sah es als Gewinn, sich „zwangsläufig“ auf Malerei zu konzentrieren. Mehrere Themen ging sie dabei an: Figur und Porträt, Seestücke und vor allem und immer intensiver Ornamente. Alle Bereiche überlappen sich, besitzen innere und äußere Bezüge.

In den Figuren und Porträts finden sich Skepsis, Würde und das Fragende wieder. Die Haltung dahinter umschreibt Anja Weinberg so: „Den Schrecken in den Augen und trotzdem weitermachen.“ Die Position zieht sich durch. Neben freien, von Wildheit aus Gischt, Wellen und Licht bestimmten Seestücken gibt es solche, in denen das Thema der Flüchtlinge sehr direkt aufgenommen wird.

Ausstellung läuft bis zum 5. Mai

Anja Weinbergs Kunst dreht sich weiter. Figuren, die sie malt, können in ein Meer aus Ornamenten getaucht sein. Ornamente tauchen mittlerweile auf Sockeln ihrer Holzskultpuren auf, vor allem aber sind sie zum Schwerpunkt der Malerei geworden. In zahlreichen Farbaufträgen entwickeln sich in die Tiefe ziehende Strudel und Kaleidoskope. „Abgespaced“ habe ihr Sohn zu den Bildern gesagt. Das Transzendente kann auch an das Licht, das sich durch Kirchenfenster bricht, erinnern.

Identitätssuche, die ihre Bild und Skulptur gewordenen Menschen umtreibt, wird nun zu einem persönlichen, spirituellen Prozess. Das Thema werde sich weiterdrehen, sagt Anja Weinberg. Die Ausstellung läuft bis zum 5. Mai.

1500 Euro im Monat

Das Uwe-Lüders-Kunststipendium wurde von dem Lübecker Unternehmer 2016 als Treuhandstiftung der Sparkassenstiftung Lüneburg gegründet. Es richtet sich vorwiegend an Künstler aus dem norddeutschen Raum. Die Stipendiaten werden mit 1500 Euro im Monat unterstützt, bekommen außerdem einen Materialzuschuss von 1000 Euro. Eingerichtet wurde eine Atelierwohnung im Rote-Hahn-Stift, deren Architektur für Künstler herausfordernd – anders gesagt, nicht ideal – ist. Das Stipendium wurde elfmal vergeben, an Ulrike Walther und Anke Gruss (2016), Uta Meta Kühn, Cora Korte, Conny Stark und Sonja Jannichsen (2017), Anja Weinberg, Barbara Engel und Mathias Meinel (2018), zuletzt an Janine Gerber, aktuell an die Sylterin Julia Pasinski.

Von Hans-Martin Koch