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Cosima Soulez Larivièr spielte Mozarts 4. Violinkonzert. Foto: t&w

Intuition und Präzision

Lüneburg. Wie schon so oft hat Claus Hartmann, der vor über 40 Jahren das Lüneburger Bachorchester gründete, auch im vergangenen Jahr den Internationalen Joseph-Joachim-Violinwettbewerb in Hannover besucht. Immer wieder ist erstaunlich, wie außerordentlich hochkarätig das Niveau der noch Studierenden ist, die hier einen der ersten Ränge erreichen.

Das in Paris geborene 22jährige holländisch-französische Ausnahmetalent Cosima Soulez Larivière gehörte mit dem 3. Preis der Gesamtwertung sowie dem Sonderpreis für die beste Interpretation des Auftragswerks zu den Gewinnern. Nun interpretierte die hochbegabte Studentin des Hannoveraner Professors Krzysztof Wegrzyn auf Einladung Hartmanns in der voll besetzten Klosterkirche Lüne das von ihr frisch einstudierte 4. Violinkonzert Mozarts.

Klangvolle, dynamisch pulsierende Darbietung

Zuerst aber huldigte das von Leonie Hartmann am Konzertmeisterpult geleitete Bachorchester seinem Namensgeber. Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 1 in C-Dur bekam durch das Orchester berauschten Klangschmelz, den man von diesem Kammerorchester gewöhnt ist, das für Bach von zwei Oboen (Thomas Rohde und Sachiko Uehara) und Fagott (Björn Groth) verstärkt wurde. Leonie Hartmann animierte ihre Mitspieler zu einer klangvollen, dynamisch pulsierenden Darbietung. Wie dieses strahlende Werk des Barock lebte auch die Sinfonie Nr. 49 von Joseph Haydn von dem Kontrastreichtum, der Klangschönheit und dem rhythmischen Temperament seiner Sätze. Das Bachorchester und Hörner (Ivan Yessimov und Gregor Lentjes) erfassten mit viel Engagement die durchweg leidenschaftliche Grundstimmung der 1768 komponierten, später deshalb „La Passione“ getauften Sinfonie.

Intelligente und gefühlvolle Art der Gestaltung

Vor der Pause dann Mozarts D-Dur-Violinkonzert KV 218 als Mittel- und Höhepunkt des Abends. Die Hauptaufmerksamkeit des Publikums lag naturgemäß auf der wunderbaren Interpretationskunst der jungen Geigerin. Sie dirigierte zum ersten Mal als Solistin ein Orchester, tat dies mit großer Präzision und Grazie, und so spielte sie dann auch ihren Solopart. Auswendig, absolut sicher und höchst phantasievoll auch noch die kürzeste Phrase sinnreich und originell akzentuierend und phrasierend, bot Cosima Soulez Larivière ihre Soli. Ihre intelligente und gefühlvolle Art der Gestaltung ist bei ausgereifter Technik sehr ausdrucksstark, wirkt hinreißend jugendfrisch und durch die konzentrierte und immer wieder wie neu erdachte Detailarbeit sehr spannend. Noch zarteste Töne klingen auf ihrer bis in höchste und tiefste Töne klangvoluminösen französischen Geige intensiv. Dass sie dieses Konzert zum ersten Mal öffentlich spielte, war in keiner Sekunde zu spüren, die Geigerin ist eine großartige Entdeckung.

Sie und das Orchester ernteten viel enthusiastischen Beifall. Zwei Zugaben waren der Dank: Zuerst jene der Solistin, passend zum 1. Mai ein bezaubernd gestalteter Satz aus der hochvirtuosen Hindemith-Solosonate, die zu ihrem Pflichtprogramm während des Hannoveraner Wettbewerbs gehörte, eine Variation Paul Hindemiths über das Mozart-Lied „Komm lieber Mai“. Und als Konzertfinale bot das Bachorchester überraschend den furiosen Libertango von Astor Piazzola.

Von Antje Amoneit