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Miss Allie hat einen vollen Terminkalender und bleibt zugleich spontan. Foto: Harald Kirsch

Der lange Weg nach oben

Lüneburg. Alles wird größer, die Bühnen, die Gagen, die Preise. Dabei ist sie doch die kleine, manchmal behauptet sie, die kleinste Singer-Songwriterin ­– „mit Herz“. Das Image hat sich Miss Allie sorgfältig aufgebaut. Der sanfte Schein aber trügt, ihre Lieder stecken voller Widerhaken, und immer mehr Publikum bleibt gern an ihnen hängen. Miss Allie ist witzig und herzlich gern frech, sie spielt gut Gitarre, und gerade säuselt sie noch, schon rockt und röhrt sie. Miss Allie ist ehrgeizig, fleißig, mutig, ihr Weg läuft nach Plan. Jetzt steht auf ihm das zweite Album mit deutschen Liedern.

Inzwischen mit Manager und Booker

2018 gab sie 80 Konzerte, in diesem Jahr stehen 135 im Kalender. 2018 machte sie noch alles allein, nun hat sie einen Manager und einen Booker, aber was immer geplant wird: „Ich bin der Chef“. Lange spielte sie – barfuß und mit baumelndem Herzen am Mikroständer – in Sälen, die etwa hundert Besucher fassen, die Größe hat sich verdoppelt. Es geht immer weiter, sie hat TV-Termine (WDR-“Ladies Night“, „Nightwash“), und wie sich ihre Beliebtheit steigert, zeigt aktuell eine Planübererfüllung.

Das Crowdfunding für ihr erstes Album mit deutschen Liedern („Mein Herz und die Toilette“) lief schon gut, „ich machte aber wahnsinnig viel Reklame dafür.“ Für das zweite Album dagegen, das sie im Juni aufnimmt und an dessen Songs sie noch nestelt, kamen die erhofften 10 000 Euro in nur neun Tagen zusammen. „Ich habe gar nicht groß etwas dafür gemacht“, sagt sie und freut sich über nun schon 17 000 Euro, die sie in ihre Musik stecken kann.

Oft sind es die Kerle, die Miss Allie in ihren Songs mit Spott und Satire besingt. Da wird schon mal der Dieter zur Dieterin und erlebt die Unfreuden der Menstruation: „Dieter – das Regeltagebuch“. Aus manchem, was sie singt, spricht Verletztheit. Songs taugen zum Verarbeiten, sie sagt es so: „Dass ich meine Musik beruflich machen kann, das hat mich innerlich zusammengenäht.“

Die Jury schwärmt

Einen Zwei-Tage-Job, der das Brot für den Tag sicherte, hat sie nun aufgeben können. Ihr beharrlich verfolgter Plan geht auf. Das zeigt sich auch anders: Hat sie sich seit 2013 bei vielen kleinen Poetry-Slams an die Spitze gepunktet, so spielte sie sich nun ins Finale des renommierten Prix Pantheon. Sie gewann beim Theater-Festival Freisprung in Rostock, den NDR Comedy Contest und die Tuttlinger Krähe, eine der bedeutenden deutschen Auszeichnungen in der Kleinkunstwelt. Frühere Gewinner waren unter anderem Bodo Wartke, Mario Barth (3. Preis), Bidla Buh, Sascha Grammel und Axel Pätz (2. Preis). Die Jury schwärmt: „Sie hat überrascht, verblüfft und überrumpelt – mit ihrem mädchenhaften Schwarm, ihrer wunderbaren Stimme und mit ihrem Schalk, der mitunter belebend wirkt wie ein Schlag in die Magengrube.“

Am 17. Mai singt und spielt Miss Allie um den Hessischen Kabarettpreis. Im Juni steht das Burg-Waldeck-Festival auf dem Plan, im Juli das in Rudolstadt. Dazwischen, davor und danach rollt sie wieder mit dem Zug quer durchs Land, singt von Augsburg bis Ziethen in großen Städten und kleinen Orten. Ein wichtiger Termin in Lüneburg ist auch geblockt: Am 27. September stellt Miss Allie im Kulturforum zum ersten Mal die neuen Songs komplett vor. Sie werden mal politischer, mal Pop-näher, mal gefühlvoller, vielleicht nicht immer so bissig. Aber noch textet sie. Etwas vom Neuen wird am 15. August zu hören sein, wenn sie die Museumsterrasse bespielt.

Mit der Energie haushalten

Miss Allie lebt, wenn sie denn mal da ist, in einem WG-Zimmer in Lüneburg. Die Frau aus Mecklenburg studierte Kulturwissenschaften in der Stadt, Lüneburg bleibt ihre Basis. Aber: „Im März war ich vier Tage zu Hause. Da war ich dann auch noch krank“, sagt sie und schwärmt von einem Haus mit Garten und Ruhe. Irgendwann. „Ich muss mit meiner Energie haushalten“, sagt sie und erzählt dann, dass mittlerweile Anfragen aus der Schweiz und aus Österreich kommen. Die Wege werden weiter. Wie sie entspannt und wann? „Ehrlich gesagt: keine Ahnung.“ Aber sie will es mit Meditation versuchen.

Von Hans-Martin Koch