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Die Mimetten erzählen von Traumjobs und der Realität zwischen Bewerbung und Rente. Foto: Theater

Influencerin, das wäre was

Lüneburg. Arbeit ist ein großes Wort. Man kann es zum Symbol für den Klassenkampf überhöhen. Man kann es aber auch auf den Job anwenden, die Zwei-Tage-Beschäftigung, die den Unterhalt sichert. Für die meisten Menschen liegt der Arbeits-Alltag wohl irgendwo dazwischen. Einkommen und Anerkennung, Bürofrust und wieder keine Beförderung: Was so passieren kann in der Zeit vom Bewerbungsgespräch bis zur Abschiedsfeier, davon erzählen Die Mimetten in ihrer Collage „Arbeit macht das Leben“ im Theater-Studio.

Genau genommen beginnt der SeniorenTheaterClub in der Inszenierung von Sabine Bahnsen bereits früher, bei den Traumberufen. Welches Mädchen wollte nicht einmal Balletttänzerin, Stewardess oder am besten gleich Prinzessin werden? Und welcher Junge wollte nicht zuallererst als Astronaut zum Mond fliegen? Aber ach, natürlich wurde nichts daraus, selbst realistische Wünsche sind schwierig. Der einzige Mann im Ensemble (mit acht Frauen) erzählt der Arbeitsamt-Mitarbeiterin, er wäre gern Flugtriebwerksmechaniker. Was bitte? Hier? Zur Lufthansa ist es weit. Na dann eben nicht.

Bewerbungsgespräch mit schwitzigen Handflächen

Es mögen Geschichten mit autobiographischem Charakter sein, die von den Mimetten auf der (bis auf ein paar Stühle leeren) Bühne erzählt werden. Die nassforsche Sexbombe, die es bei dem Personalchef mit einem erotischen Frontalangriff versucht, ist sicher ein Klischee. Aber: Bewerbungsgespräch mit schwitzigen Handflächen, statt der wohlformulierten Rede kommen nur Stammeleien heraus – so eine Erfahrung machen wohl viele Menschen. Und mit dem allerersten Auftrag im Büro ist schon mal Vorsicht geboten. Bei den Handwerkern auf dem Dach eine Puddingpresse besorgen? Okay, solche Scherze gehören dazu.

Die Seniorinnen liefern keine Sketchparade, sondern setzen auf kleine Erzählungen in differenzierten Tönen. Sie erinnern an die Zeit, als die Jugend auf dem Lande mit Feldarbeit begann – Fleisch zu essen bekamen nur die Männer, denn die mussten ja schließlich richtig arbeiten. Für Heimarbeit an der Nähmaschine gab es ein paar Mark, kam frau im Kontor unter, waren die Eltern glücklich, und die Betroffene war es manchmal auch. Das war übrigens die Zeit, als Ehefrauen noch die Genehmigung des Gatten benötigten, wenn sie eine Anstellung haben wollten.

Welches Botox liftet am besten?

Die Friseuse heißt heute Hairstylistin; und sonst? Wo es einst die Wahl gab zwischen Medizin, Theologie und Jura, werben die Universitäten nun mit hunderten Studiengängen. Längst ist der erste Arbeitgeber im Leben nicht auch der letzte, Menschen hangeln sich von Werkvertrag zu Werkvertrag oder machen sich gleich selbstständig, für die heißesten Internet-Jobs gibt es ohnehin keine Ausbildung: Influencerin, das wäre was, mit Millionen Followern natürlich, welches Botox liftet am besten? Arbeit hat heute tausend Gesichter, das mag manchen Menschen verunsichern, aber die Zeiten sind nicht die schlechtesten, jammern gilt nicht, und das tun die Darstellerinnen auch nicht.

Die Mimetten, das sind Renate Lübken, Renate Brandes, Inga Auch-Johannes, Heidi Scheunemann, Barbara Burchardt, Günter Warnecke, Hedda Wegner, Susanne Reimer und Inge Rosin. Nach einer unterhaltsamen Stunde machte das Ensemble Feierabend, als Lohn gab es natürlich Applaus. Die nächsten Jobs: Freitag, 10. Mai, 20 Uhr, und Sonnabend, 11. Mai, 16 Uhr.

Von Frank Füllgrabe