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Gregor Meyle war nicht nur schon mehrmals in der Ritterakademie, er ist auch Schirmherr der 1st Class Session. Foto: t&w

„Reinhängen und treiben lassen“

Lüneburg. Am Freitag, 10. Mai, geht in der Ritterakademie um 20 Uhr die 1st Class Session von Peer Frenzke in eine neue Runde. Gäste sind Henning Wehland von de n Söhnen Mannheims, der Rapper Metaphysics und die Singer-Songwriterin Marion Feichter. Am Dienstag, 14. Mai, 20 Uhr, folgt gleich die zweite Runde, zu Gast sind diesmal – neben Wehland, Metaphysics und Feichter – auch Gregor Meyle, Alex Auer und Ingo Pohlmann. Die LZ sprach vorab mit Gregor Meyle und Gastgeber Peer Frenzke.

Gregor Meyle, Sie sind in Süddeutschland zu Hause, wie kamen Sie zur 1st Class Session? Erinnern Sie sich noch an das erste Mal in Lüneburg?
Gregor Meyle: Lüneburg ist ein Traum – wirklich eine tolle Stadt. Hier kann man gut leben. Ich erinnere mich noch gut. Beim ersten Mal hatte ich mein Fahrrad mit dabei, bin durch Lüneburg gefahren, hab schön Kaffee getrunken und dann abends bei der 1st Class Session mitgespielt. Damals war ich noch jung und brauchte das Geld. (lacht) Aber ich spiele auch heute noch gerne mit. Das ist eine super Session, die über mehrere Tage geht. Man lernt ’ne Menge Leute kennen und kann mit Musikern spielen, die nicht in der eigenen Band sind. So trifft man nicht nur neue Künstler, sondern lernt auch neue Musikrichtungen kennen. Das ist eine schöne Sache, die allen viel Spaß bringt.

Peer Frenzke, die 1st Class Session ist quasi Ihr „Baby“. Nun ist es flügge, wie hat es sich entwickelt?
Im Mai sind es genau zwölf Jahre – die Session hat sich vom sehr freien Jammen eher zu einem Song orientierten, konzertanten Musizieren mit viel Freiraum zur Interpretation und Improvisation entwickelt. Das Niveau der beteiligten Musiker ist mittlerweile sehr hoch, alle müssen hellwach sein, aufeinander hören und reagieren können beziehungsweise neben der sozialen Kompetenz, sich gegenseitig zu stützen und gut aussehen zu lassen, ein breitgefächertes musikalisches Vokabular mitbringen. Die Interaktion der Musiker untereinander im Austausch mit dem Publikum, ermöglicht immer wieder eine Reise durch unterschiedliche Stilrichtungen. Darüber hinaus werden natürlich auch leidenschaftliche Soli und sensible Spannungsbögen mit einer ordentlichen Portion Spielfreude auf der Bühne gelebt und gestaltet. Dabei geht es nicht um das zur Schaustellen von Virtuosität – wir sind ja keine Zirkuspferde – sondern um den individuellen Ausdruck und das Geschichten-Erzählen mit dem Instrument oder der Stimme!

Was ist geblieben vom Session-Charakter, vom zwanglosen Zusammenspiel bunt zusammengewürfelter Musiker?
Im Grunde genommen ist es immer noch ein lockeres Zusammenspiel professioneller Musiker mit etwas mehr Form und Struktur als es noch in den Anfangszeiten war. Wir legen mittlerweile mehr Wert darauf, gute Songs zu interpretieren, das Publikum zu unterhalten und in einen Energieaustausch zu kommen, als unser Ego mit stundenlangen Soli zu streicheln oder das Publikum zu langweilen. Manchmal haben wir nur 1,5 Stunden Zeit, die Titel bei einem kurzen Soundcheck anzuspielen – erstaunlich, dass wir das „Schiff“ immer wieder sicher in den Hafen manövrieren konnten … Die Marke 1st Class Session ist mittlerweile in der deutschen Profiszene gut etabliert, sodass auch immer mehr prominente Gastmusiker/Sänger den Weg zu uns finden!

Mittlerweile sind Sie, Gregor Meyle, Schirmherr, was bedeutet das für Sie?
Meyle: Ich bin von Peer Frenzke, der vor zehn Jahren mit dem „Quatsch“ angefangen hat, gefragt worden. Anscheinend war ich damals auch schon dabei. Mir ist es wichtig, dass junge Musiker motiviert werden, Musik zu machen. Und dafür gibt es nichts Schöneres als so eine Session, bei der verschiedene Leute aus verschiedenen Musikrichtungen aufeinandertreffen, Bock darauf haben, Musik zu machen. Da bin ich ganz stolz drauf, Schirmherr zu sein.

Peer Frenzke, die nächsten Sessions in der Ritterakademie sind am 10. und 14. Mai. Warum so kurz hintereinander?
Das liegt einfach daran, dass der 10.5. bereits vor einem halben Jahr für die reguläre Session festgelegt wurde und es sich spontan ergeben hat, dass Gregor an dem darauffolgenden Dienstag Zeit hatte, mit uns gemeinsam das Benefizkonzert zu gestalten. Der Vorteil für uns Musiker ist, dass wir uns am Wochenende schon warmgespielt und kennengelernt haben und für die Sessionbesucher, die für den Freitag keine Karten mehr bekommen haben, eine adäquate, hochkarätig besetzte Alternative geboten wird.

Die Session am 14. Mai ist eine Benefizveranstaltung zugunsten des 2018 plötzlich verstorbenen Bassisten Robbee Mariano. Wie wirkt sich das auf den Abend aus?
Meyle: Natürlich ist das komplette Set ihm gewidmet. Alle Songs und die ganze Veranstaltung gelten ihm. Er war ein ganz toller Mensch – ein fantastischer Musiker. Wir haben viel zusammen auf der Bühne gestanden, gerade auch bei der Session. Er ist viel zu früh gegangen. Darüber bin ich sehr traurig. Seine ehemalige Band steht komplett auf der Bühne. Es ist ein Traum, mit diesen Jungs zu spielen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich auf der Messe in Frankfurt gespielt habe, und Robbee lief am Stand vorbei. Wir haben uns gegenseitig zugeflüstert: Das ist der Bassist von Xavier Naidoo. Wie gesagt, er war ein toller Mensch, und es gibt einige Songs, die auch aufgrund seines Todes entstanden sind. Ich freue mich sehr darauf, dass auch Teile der Familie da sind.

Worauf freuen Sie sich, Peer, besonders?
Ich freue mich besonders darauf, Henning Wehland und Dominik Krämer wieder zu treffen, die das letzte Mal vor circa 10 Jahren bei uns zu Gast waren – beide sind ganz wunderbare, herzliche Menschen und fantastische Musiker! Und natürlich auf Gregor, den ich auch schon vier Jahre nicht mehr gesehen habe – außer im TV! Nicht zu vergessen mein absoluter Lieblingsschlagzeuger Ralf Gustke (Xavier Naidoo) – mit ihm zu spielen ist wie Segeln – einfach reinhängen und treiben lassen …
Am allermeisten freue ich mich natürlich darauf, dass die Frau unseres geliebten, leider viel zu früh verstorbenen Bassisten Robbee Mariano, am 14. Mai das Konzert besucht und ein Teil des Ticketerlöses an sie und ihre kleine Tochter gespendet werden kann. Der andere Teil geht an das SOS Kinderdorf.

Gregor, Sie sind erfolgreich mit deutschem Soul-Pop unterwegs. Ist es schwierig, sich mit deutschen Texten durchzusetzen?
Wenn man sich heute die Top-20 anschaut, sind da fast nur noch deutsche Songs dabei. Es hat zwar ’ne Weile gedauert, aber inzwischen ist es so. Der Anspruch ist aber nicht geringer geworden. Die Texte müssen halt phonetisch, musikalisch gut sein, sowie authentisch und ehrlich.

Für welche Zielgruppe ist Ihre Musik?
Ich sag mal, die Leute in meinem Alter und aufwärts. Wir haben aber auch jüngeres Publikum. Das geht quer durch die Bank von Kiddies bis zu den Älteren. Ich freu mich sehr drüber auch Menschen da zu haben, die sonst vielleicht gar nicht mehr so viel auf Live-Konzerte gehen.

Aber lockt nicht auch die internationale Bühne?
Die internationale Bühne lockt nicht. Ich bin froh darüber, wie es ist. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind ganz tolle Länder und auch mit die kaufkräftigsten der Welt. Das heißt, es gibt eine tolle Live-Branche. Die Leute können es sich leisten, zu Konzerten zu gehen. Das ist doch toll. International mache ich dann lieber Urlaub.

Wie steht es um den Musiker-Nachwuchs in Zeiten von Youtube, Spotify etc. Ist die Zeit der großen Stars, die zu Legenden werden, vorbei?
Frenzke: Die aktuellen Zeiten sind insgesamt viel schnelllebiger geworden und die Flut beziehungsweise permanente Verfügbarkeit des musikalischen Angebots, durch die Streamingdienste begünstigt, fühlt sich manchmal schon erdrückend an. Das Musikgeschäft hat sich extrem verändert – Zeiten, in denen Plattenfirmen Künstler aufgebaut, aufwendige Produktionen und Vorschüsse bezahlt haben, sind die absolute Ausnahme geworden. Andererseits kann jeder in seinem Wohnzimmer auf seinem Laptop professionell Musik produzieren und über YouTube – durch entsprechende Klicks – auch zum Star werden – siehe Cro und andere. Was mir derzeit ein bisschen fehlt sind echte, authentische Künstlerpersönlichkeiten, die auf Verrohungskultur, Belanglosigkeit oder Gangsta Rap Klischees verzichten können.

Meyle: Denken wir doch mal an Mark Foster oder Max Giesinger – die Zeit der großen Stars ist nicht vorbei. Es ist schwer, das ganze Thema über einen Kamm zu scheren. Sehr umfangreich … Wir nutzen YouTube auch und haben etwas davon. Anderseits werden natürlich viele Urheberrechte untergraben. Man könnte sagen, es ist Fluch und Segen zugleich. Vom YouTube-Schauen wird man aber noch kein Star. Da hilft nur üben, üben, üben.

Von Dietlinde Terjung