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Zickenkrieg im Cocktailkleid (v.l.): Tülin Pektas als Cecily, Christoph Vetter als Butler und Stefanie Schwab als Gwendolen. Foto: t&w

Ernst und Abenteuer

Lüneburg. Theatergänger erinnern sich sicher noch an das spektakuläre Bühnenbild zu Shakespeares „Was ihr wollt“, bei dem eine riesige Tulpe quer über den Bühnenboden rankte. Die 2012er-Inszenierung stammte von Milena Paulovics, und diese quirlige Regisseurin ist erneut vom Theater Lüneburg angesprochen worden. Diesmal geht es um Oscar Wilde und seine wohl erfolgreichste Komödie: „Bunbury oder Ernst sein ist wichtig“. Am Sonnabend, 11. Mai, ist Premiere.

Vorfreude auf Überraschungen

„Mein erster Oscar-Wilde-Auftrag“, strahlt die Berlinerin. Und ihre funkelnden Augen lassen vermuten, dass die Zuschauer auch bei dieser Inszenierung Überraschendes erwartet. „Ja“, nur soviel verrät sie, „es gibt mindestens einen Wow-Effekt“. Es muss wirklich ein toller Clou sein, denn für die Umsetzung wurde eigens ein Ingenieur zum hauseigenen Werkstatt-Team hinzugezogen.

Gut nachvollziehbar, dass hierfür viele Gespräche und Treffen, insbesondere mit der Bühnenbildnerin Barbara Bloch nötig waren. Für die freiberufliche Regisseurin ist die „Raum-Ästhetik“ enorm wichtig, „sie erzählt viel, trägt zur Botschaft des Stücks bei“, erklärt sie. Die Verwechslungskomödie von 1895 spielt in der Londoner Oberschicht. Es geht um Wohlstandsmenschen, die keine materiellen Sorgen, aber dennoch Probleme haben – mit der eigenen Identität und innerer Leere zum Beispiel. So zieht es John in die Stadt und seinen Freund Algernon aufs Land, um gesellschaftlichen Pflichten zu entfliehen. Der eine behaupet, seinen Bruder zu besuchen, der andere seinen Freund. Es geht um Ernst, das heißt eigentlich John, den Yves Dudziak verkörpert, aber auch um Algernon (Paul Brusa), jedenfalls zwei Dandys auf der Suche nach Abenteuer und Ernst, im doppelten Wortsinn, denn um Ernst geht es auch, als die Liebe ins Spiel kommt.

„Das Stück hat sehr viel Wortwitz, der dank der Übersetzung von Rainer Kohlmayer auch in der deutschen Fassung gut rüberkommt“, betont Paulovics. Der Adaption ins 21. Jahrhundert wurde ein „zeitloses Heute“ verpasst. Elegante Party-Anzüge und Cocktailkleider ersetzen viktorianische Roben. Smartphones bleiben jedoch außen vor. „Das Tagebuch, das einer der Protagonisten führt, bleibt. So wird nichts übertrieben ins Heute gezerrt. Das trägt mit zu dem besonderen Charme des Stücks bei“, sagt Paulovics, die sich nach nun sechs Wochen Proben riesig auf die Premiere freut.

Milena Paulovics brennt für das Regiefach

In dieser Zeit wohnte die 47-Jährige in Lüneburg, fuhr nur am Wochenende in ihre Heimatstadt Berlin. Sie fühle sich durch und durch als Stadtmensch, der das Land liebt. Oft habe sie zwei bis drei Produktionen – in unterschiedlichen Vorbereitungsphasen – im Griff, ist per Bahn bundesweit unterwegs und liebt es, umzuswitchen. „Das macht Spaß.“ Zum Beispiel von Oscar Wilde auf „Shakespeare in Love“, eine Filmadaption, die sie demnächst in Bad Vilbel auf die Bühne bringt.

Man spürt die Leidenschaft, mit der sie für ihren Beruf brennt. „Ich wusste schon mit 18 Jahren, dass es für mich nur einen Beruf gibt: Regisseurin.“ Die Tochter eines Schauspielerehepaars hospitierte gleich nach dem Abi am Staatstheater Oldenburg, woraus schnell eine Regieassistenz wurde. Doch das reichte ihr nicht. „Alle um mich herum hatten eine Ausbildung oder studierten“, blickt sie zurück. Auch sie wollte forschen, lernen, sich austauschen. Das zog sie an der renommierten Ernst-Busch-Schule durch und ging 2002 mit einem Diplom in der Tasche wieder an den Start.

Anders als bei Oscar Wilde spielt in Milena Paulovics Leben das Handy eine wichtige Rolle. „Gerade habe ich noch den Komponisten Julian Dietz angemailt, mit der Bitte, eine Passage um 15 Sekunden zu verlängern, damit die Szenenübergänge klappen.“ Überhaupt ist sie begeistert vom Engagement des Lüneburger Ensembles, von dem sie bereits Philip Richert und Britta Focht aus der Shakespeare-Realisation kennt. Wenige Tage noch, dann wird es Ernst mit dem Spaß an der Vorbereitung.

Von Dietlinde Terjung