Aktuell
Home | Kultur Lokal | Eine Kantate über das Anfangen
Der Organist und Komponist Daniel Stickan. Foto: Markus Tiemann

Eine Kantate über das Anfangen

Lüneburg. Bei dem Wort „Anfang“ fällt wohl den meisten Menschen zunächst Hermann Hesse ein: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Das ist aus dem philosophischen Gedicht „Stufen“. Diesen Zauber will Daniel Stickan mit den Mitteln der Musik einfangen. „Initium“ heißt das Werk des Lüneburger Komponisten und Organisten, die „Kantate über das Anfangen“ wird am Sonnabend, 25. Mai, um 18 Uhr in der Lüneburger St. Johanniskirche uraufgeführt.

Ohne „telos“ ist der Mensch krank

Anfangen und St. Johannis: In der Kombination dieser Stichworte denkt Daniel Stickan zunächst an den Turmbläser, der um 9 Uhr morgens den Tag mit Choralmelodien eröffnet: „Immer wieder richten mich die Töne zur Kirche hin aus, der mächtige Turm zieht mich dann direkt in den Himmel.“ Bei „Initium“ geht es also nicht um den Beginn der Welt im Sinne der Schöpfungsgeschichte, sondern es geht um die inneren Kräfte, die den Menschen antreiben, den Tag zu beginnen, etwas in Angriff zu nehmen – in der Philosophie wird das Wort „telos“ benutzt. Ohne telos ist der Mensch krank.

Singen wird die Knaben- und Mädchenkantorei St. Johannis, „die Kantate ist aber keinesfalls nur für Kinder gedacht“, sagt Daniel Stickan, und: „Ein zentrales Anliegen meiner Kompositionen ist mir, dass die Kinder in ihrem sprachlichen, philosophischen und theologischen Vermögen ernst genommen werden.“ Das gilt bereits für die Kirchenwerke, die Stickan den Elementen widmete: Zuerst die „Wassermusik“ (2015), die bundesweit rund 30 Mal aufgeführt wurde, dann der Feuerkantate (2017). In diesem Jahr soll eine „Luftmusik“ uraufgeführt werden, 2021 folgt dann – logischerweise – eine Erdmusik. Gerade nahm Stickan in der Gedächtniskirche Berlin mit Chor und NDR-Bigband das Oratorium „God is Now“ seines Duo-Partners, des Saxophonisten Uwe Steinmetz auf, im kommenden Jahr liefert er eine Messe für die Singschule am Prenzlauer Berg ab.

Von tausend Gedichten bleiben nur zehn

Auch wenn der Lüneburger zunehmend vom reisenden Organisten in das Fach des Komponisten wechselt, der daheim an den Partituren arbeiten kann: Zwei große Kompositionen im Jahr, mehr ist nicht zu schaffen. Stickan sichtet für die Elemente-Kantaten, das Thema soll ja möglichst komplex behandelt werden, jeweils rund tausend Gedichte, sechzig bis achtzig kommen in die engere Auswahl, am Ende bleiben zehn – „es muss eine innere Dramaturgie erkennbar sein, es geht ja nicht um ein Medley. Mit der Festlegung der Form habe ich schon die Hälfte der Arbeit getan“. Ein wichtiger Aspekt bei „Initium“ ist das Moment der Unverfügbarkeit, das Gefühl, dabei zu sein, etwas zu bewegen, ohne es wirklich steuern zu müssen.

Die Uraufführung am Sonnabend, 25. Mai, beginnt um 18 Uhr. Es singt die Knaben- und Mädchenkantorei, als Instrumentalisten sind Daniel Stickan (Klavier), Joachim Vogelsänger (Orgel), Clemes Bütje und David Gutfleisch (Percussion) dabei. Die Gesamtleitung hat Frauke Heinze. Das eingangs zitierte Hesse-Gedicht ist übrigens nicht dabei, „ich versuche“, so Stickan, „das allzu Naheliegende zu ver meiden.“

Von Frank Füllgrabe