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Seymour (Timm Moritz Marquardt) schwärmt für die schöne Audrey (Manon Koop). Foto: theater/t&w

Pechvögel, Egozentriker und Sadisten

Lüneburg. Bühne frei für die Studenten der Leuphana Universität heißt es in jeder Spielzeit des Theaters Lüneburg. Sie erarbeiten gemeinsam mit den Profis des H auses ein Musical, das im T.3 aufgeführt wird. Seit zehn Jahren läuft das Projekt StudiMusical erfolgreich. Für das kleine Jubiläum haben sie sich das Musical „Der kleine Horrorladen“ augesucht. Am Freitagabend war es endlich soweit, da hieß es Vorhang auf für die Premiere im ausverkauften T.3.

Das temporeiche Musical von Alan Menken und Howard Ashman kam erstmals 1980 in New York auf die Bühne. In diesem Stück stehen nicht nur Schauspieler im Rampenlicht, sondern auch eine besondere Requisite: eine Pflanze. Anfangs nur klein und sonderbar, wächst sie zu einer monströsen Blume heran, die sprechen kann und einen Mordshunger entwickelt – und zwar auf Menschenblut und -fleisch.

Streit mit dem Bühnenbildner

Dass genau diese Requisite beinahe zum Scheitern der Produktion geführt hätte, verrät Regisseur Oliver Hennes nach dem letzten Vorhang: „Vier Wochen vor der Premiere gab es einen Streit mit dem Bühnenbildner, der damit endete, dass er das Ensemble verließ – und die Pflanzen von klein bis groß mitnahm.“ Ein Riesenverlust, denn Audrey zwo, so ihr Name, spielt eine genauso große Rolle wie die Laden-Crew. Nur dass sie eben nicht aus Fleisch und Blut ist, sondern aus Schaumstoff, Pappmaché, Stoffen, Drähten und viel Technik. Daher nicht so einfach zu ersetzen. Doch die Mitarbeiter der Werkstätten sahen das als Herausforderung, konstruierten, schnibbelten, nähten und bastelten, was das Zeug hielt, allen voran Frauke Motylewski und Egon Buttschaft, die der Regisseur nun besonders mit Blumen und Zuschauerapplaus – stellvertretend für das gesamte Team – ehrte.

Das Musical, das sich um Pechvögel, Egozentriker und Sadisten dreht, um Träume vom großen und kleinen Glück, führt in einen kleinen Blumenladen in der Skid Row, einer Art sozialem Brennpunkt. „Wer da wohnt, aus dem wird nix“, rocken fünf Grazien, die soeben von der Schule geflogen sind. Im Laufe des Abends zeigt dieses hübsche Quintett (Lea Lensky, Hannah Keymling, Viktoria Reinhardt, Xenia Neumann, Sharon Maluche) noch öfter stimmliches und tänzerisches Talent in nahezu perfekter Synchronie. Dass das die Stimmung das Publikums anturnt, liegt auch an der Band: Lennart Meyer, Marcus Theilmann, Johann Greve und Yannik Gehlen, die unter der musikalischen Leitung von Svenja Huckle nie zu leise, nie zu laut Rhythmus ins Geschehen und Stimmung in die Zuschauerränge bringen.

Eine unheimliche Pflanze

Ach, und erst der unglücklich verliebte Seymour (Timm Moritz Marquardt), entzückend in seinem braunen Retro-Pullunder, aber auch der egoistische Ladenchef Mr. Mushnik (Sebastian Reimann) und das sexy Blondchen Audrey (Manon Koop) im Leopardenkleid – sie alle überzeugen stimmlich wie mimisch. Sie steigern sich mit jedem Schritt, der sie auf die Gewinnerseite des Lebens bringt. Denn die unheimliche Pflanze (Stimme: Juliana Bernecker) verändert das Leben der drei Protagonisten komplett. Funk, Fernsehen, Agenturen – alle reißen sich um Seymour und Co. Geld, Liebe, Ruhm, selbst das Problem mit Audreys Freund, dem sadistischen Zahnarzt (Aaron Kunze), löst sich in gewisser Weise auf.

Aber die Sache hat einen fürchterlichen Haken, denn Audrey zwo – im zweiten Akt zu fast deckenhoher Größe herangewachsen – gibt die Horrorfäden nicht aus der Hand und hält das Publikum auf Spannung. Das fiebert mit und belohnt am Ende das gesamte Ensemble mit stehenden Ovationen. Wer auch Lust auf den kleinen Horror hat, muss sich gedulden, erst für Dienstag, den 28. Mai, den 7. und 22. Juni gibt es noch Restkarten, ab 23. Juni sieht‘s besser aus.

Von Dietlinde Terjung