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Die allgemeine Verwirrung löst sich auf, von links: Britta Focht, Philip Richert, Paul Brusa, Yves Dudziak, Stefanie Schwab und Christoph Vetter. Foto: Theater/t&w

Ohne Inhalt – aber mit Pointe

Lüneburg. „Nur der Schein trügt nie.“ Oder: „Ich habe eine dringende Verabredung, ich muss sie unbedingt verpassen!“ Oder: „In der Stadt amüsiert man sich. Auf dem Lande amüsiert man die anderen.“ Wer sich einen Fundus an Bonmots zulegen will, um auf der nächsten Small-Talk-Party eine gute Figur zu machen, der lese Oscar Wilde. Wer lieber einen unterhaltsamen Wilde-Crashkurs buchen möchte, der sehe „Bunbury oder Ernst sein ist wichtig“ im Theater Lüneburg.

Der groß geschriebene Ernst im Titel ist kein Tippfehler, sondern ein Wortspiel. Die 1895 in London uraufgeführte Gesellschaftskomödie heißt im Original „The Importance of Being Earnest“, earnest bedeutet „aufrichtig“, zugleich ist Ernest ein populärer Vorname. Die deutsche Übersetzung wirkt dagegen etwas holzschnittartig, funktioniert aber trotzdem.

Die Titelrollen müssen nicht besetzt werden

Bunbury und Ernst sind die beiden Titelfiguren des Stückes, tauchen aber im Besetzungsverzeichnis des Programmheftes nicht auf – sie existieren ja auch nicht. Es sind Erfindungen der beiden jungen Herren Algernon (Paul Brusa) und John (Yves Dudziak), die sich gepflegt langweilen und keine Lust haben, irgendwelchen Verpflichtungen nachzukommen. So hat der Stadt-Schnösel Algernon den kränkelnden Freund Bunbury ins Leben gerufen, dem er angeblich helfen muss, während sich Landsitzbewohner John, wenn er mal wieder Lust auf ein Abenteuer verspürt, um seinen leichtlebigen Bruder Ernst kümmert. Bis hierhin ist die Sache überschaubar.

Aber Jack nennt sich zuweilen selbst Ernst. Bei einem Ausflug in die Stadt verliebt er sich in die schöne Gwendolen (Stefanie Schwab), die erstens die Cousine von Algernon ist und zweitens partout nur einen Mann heiraten will, der Ernst heißt. Damit ist das Verwirrspiel eröffnet, in dem auch Algernons matronenhafte Tante (Philip Richert), Johns tagebuchschreibendes Mündel Cecily (Tülin Pektas), eine hochgeschlossene Gouvernante (Britta Focht) und ein etwas dubioser Pastor (Christoph Vetter) mitmischen, bis sich alles nach knapp zwei Stunden zu einem einigermaßen überzeugenden Happy End auflöst.

Sie kreisen nur um sich selbst

Aber die Handlung ist meistens nicht so wichtig, weil auch den Protagonisten nichts wichtig ist. Sie ergehen sich geistreichen Formulierungen, die letztlich nur leeres Geschwätz sind, aber zunächst gut klingen. Sie funktionieren meistens nach dem gleichen Prinzip: Ein Satz dreht sich im zweiten Teil in das Gegenteil dessen um, was eigentlich zu erwarten ist; Beispiel: „Schmerzhaft ist die Trennung von Menschen, die man erst seit Kurzem kennt.“ Tatsächlich finden John und Algernon gar keine Trennung schmerzhaft, sie kreisen nur um sich selbst.

So weit also Oscar Wildes heitere Darstellung der Orientierungslosigkeit und Gleichgültigkeit der Upperclass, der Autor kündigte in einem Brief an den Auftraggeber des Bühnenstückes ein „Feuerwerk aus Fin-de-siècle-Gerede“. Das war nicht zu viel versprochen, ist allerdings, vor allem in der ersten Hälfte, manchmal etwas ermüdend.

Musterbeispiel des eitlen Salonlöwen

Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde (1854-1900) selbst war das Musterbeispiel des eitlen Salonlöwen, ein lupenreiner Dandy. Oder war das nur Pose? Er arbeitete produktiv, ausdauernd und sorgfältig, als Lyriker, Romanautor, Dramatiker und Kritiker. Das Leben des Iren war nur streckenweise komfortabel, seine Homosexualität brachte ihm zwei Jahre Zuchthaus mit Zwangsarbeit ein, die seine Gesundheit ruinierte und zu einem frühen Tod führte.

Regisseurin Milena Paulovics inszeniert die Akteure wie in einem sterilen Labor: Keine plüschigen Salons, keine Seidenstrümpfe, sondern modern gekleidete Menschen, zwei ausgeräumte Bühnenbilder, in denen ein Vorhang für Algernons Stadtwelt und ein paar frisierten Büsche für den Garten von Johns Landsitz stehen – Resonanzräume für das pointierte Geplauder der konditionsstarken Darsteller, das die Geschichte zuverlässig durch den Abend trägt.

Von Frank Füllgrabe