Dienstag , 17. September 2019
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Rainer Thomsen (Tenor), Luciano Lodi (Bariton) und der Motettenchor von St. Michaelis. Foto: t&w

Manchmal müssen es nur acht Takte sein

Lüneburg. Vor rund vierhundert Jahren schrieb Thomas Tallis, der unter anderem Organist der Kathedrale von Canterbury, später Gentleman of the Chapel Royal war, das kanonische Lied „Am Abend steigt unser Gebet“ („Glory, to thee, my god, this night“). Dessen achttaktige Melodie war im Programmheft zu finden, denn sie ist ein Teil der „Mass oft he children“, dem zentralen Werk des aktuellen Projekts von Motetten-, Jugend- und Kinderchor der Michaeliskirche.

Und sie ist ideal für das Konzertmotto des Projektabschlusses, „Sing mit“. Chöre und Publikum sangen Tallis‘ Kanon mit viel Enthusiasmus gemeinsam in der gut gefüllten Michaeliskirche, als Ouvertüre und Finale des Abends. Eine schöne Huldigung zu Beginn und zum Abschluss des Abends, ein stimmungsvoll gespannter Bogen von der mehrchörigen Kathedralenmusik des englischen Renaissance-Komponisten zu zeitgenössischer Kirchenmusik, der 1964 in Buenos Aires erstmals aufgeführten Misa Criolla von Ariel Ramirez‘ sowie Rutters 2003 in der Carnegie Hall New York aufgeführter Kindermesse.

Gedichte aus dem 5., 18. und 19. Jahrhundert

Zum ersten Mal erfüllten sich Holger Lorkowski und Norbert Bernholt, die den Motettenchor 2017 gründeten, den lang gehegten Wunsch, zusammen mit dem von Dörte Lorkowski geleiteten Kinderchor ein Programm zu gestalten. Dafür eignet sich die Mass of the children hervorragend, weil Kindern und Erwachsenen selbstständige Stimmen zugedacht sind, begleitet von wenigen Instrumenten. Der Komponist, geboren 1945, richtete seine Messe nach Art der üblichen Missa brevis ein, unterbricht jedoch die lateinischen Messtexte durch englische Morgen- und Abend-Loblieder und Gedichte aus dem 5., 18. und 19. Jahrhundert.

Im Wechsel und gleichzeitig mit dem aufmerksamen, um vierzig Stimmen starken Chor der Erwachsenen und den glänzend disponierten, wunderbar ausdrucksstarken Solisten Linda Joan Berg (Sopran), Rainer Thomsen (Tenor) und Luciano Lodi (Bariton), sangen die rund dreißig Kinder und Jugendliche ihre englischsprachigen Partien mit bezaubernder Anmut. Atmosphärisch, eingängig und sehr emotional wirken die Melodien der meist einstimmigen Chorsätze, ergänzt durch die anrührenden Solopartien.

Vitalität und Feinsinn

Im Gloria finden sich Anklänge an lateinamerikanische Tänze. Südamerikanische Klänge bestimmen die Misa criolla, die den Abend einleitete. Hier kamen die elf Instrumentalisten des Projekt-Kammerorchesters zum Zuge. Mit Vitalität und Feinsinn interpretierten sie die Begleitmusik mit verschiedenen argentinischen Rhythmen, die der erst in diesem Jahr verstorbene Komponisten Ariel Ramirez interessant einsetzte. Der Chor der Erwachsenen widmete sich den spanischen Texten mit jener Mischung aus dynamischem Engagement und Besonnenheit, die das Werk lebendig macht und Nachdenklichkeit hinterlässt.

Am Ende unterbrach Michaliskantor Henning Voss den begeisterten Beifall und trat an das Mikrofon, um sich von Herzen für das perfekt gelungene Projekt-Konzert bei dem Initiatoren-Team, dessen Chorleiter abwechselnd am Dirigentenpult gestanden hatten, den Chören, den Instrumentalisten und nicht zuletzt den drei Gesangssolisten zu bedanken. Und als Finale huldigte Lorkowski noch einmal Thomas Tallis und dirigierte erneut den Kanon zum Mitsingen.

Von Antje Amoneit