Dienstag , 17. September 2019
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Von Gerhard Fietz bis Andy Warhol
Gruselig: Mischtechnik von Annegret Soltau. (Foto: oc)

Von Gerhard Fietz bis Andy Warhol

Lüneburg. Da hängen sie nun, schauen uns an, durch uns hindurch, blicken in die Ferne oder hohläugig nach innen, sind Spiegel einer oft so wunden Seele und auch mal pure Spielerei. „Kopf an Kopf“ heißt die neue, am kommenden Sonntag in der Kunsthalle der KulturBäckerei beginnende Ausstellung. Sie zeigt, wie Antlitz, Gesicht und Schädel Thema der zeitgenössischen Kunst wurden – „von Gerhard Fietz bis Andy Warhol“ lautet der Untertitel.

Die Darstellung des Kopfs, ein Kernthema der Kunst, zieht sich durch die Malereigeschichte, diente über Jahrhunderte vorwiegend als Ausdruck von männlicher Macht und Repräsentanz. Bald war sie auch als Mittel der Propaganda erfolgreich, perfektioniert von Martin Luther, mit dessen Bildnis exklusiv die Cranachs tausendfach die reformierte Welt plakatierten. Nur langsam lösten sich Künstler von äußeren Vorgaben, von Auftraggebern. Da setzt diese Ausstellung an.

Endgültiger Bruch mit der Tradition

Die „Kopf an Kopf“-Kuratoren Dr. Andrea Fromm und Enno Wallis dokumentieren den endgültigen Bruch mit der Tradition und die damit verbundene Öffnung des Blicks. Auf die Zerstörung der Welt mussten Künstler neue Antworten finden. Sie suchten sie oft in sich selbst. Der Kopf in der Kunst drückt Skepsis aus, Neugier, Wut, Schmerz, Weltflucht, alles ist in der KulturBäckerei zu finden.

Es ist in dieser Ausstellung eine – allemal für Lüneburg – bemerkenswerte Menge großer Namen vertreten. Verblichene, im Zenit stehende und aufsteigende Stars lieferten und liefern künstlerische Kopfarbeit ab, hier sind sie vorwiegend mit Druckgraphik vertreten. Zu ihnen zählen Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Lovis Corinth, Horst Janssen und Johannes Grützke, Andy Warhol und John Lennon, Timm Ulrichs und Daniel Richter. Weiter geht die Kopfsache zu Justine Otto, Christoph Ruckhäberle und anderen, die dem Thema in jügerer Zeit neue Facetten hinzufügen.

Allein für sich betrachtet mögen etliche Werke der „big names“ in ihrem Oeuvre eher randständig, alles andere als zentral sein. Viele Bilder bekommen erst durch den Kontext Gewicht. Deutlich wird dies mustergültig mit einer Wand, die dicht an dicht – in „Petersburger Hängung“ – als eine Art Ouvertüre zu sehen ist zu dem, was sich im Verlauf in verschiedenen Abteilungen verdichtet.

Einiges, etwa die Bilder von Gerhard Fietz, stammt aus dem Kunstarchiv der Sparkassenstiftung. Sie kann sich im Rahmen dieser Ausstellung über prominenten Zuwachs freuen. Annegret Soltau schenkt dem Kunstarchiv ein beachtliches Konvolut ihres Werks. Die 1946 in Lüneburg geborene, in der Elbmarsch aufgewachsene Künstlerin wurde vor allem mit ihren vernähten (Foto-)Porträts international bekannt. 2016 galt ihr in der KulturBäckerei eine Einzelausstellung. Ihre Bilder über Verletzlichkeit und Gewalt gehören zu den eindringlichsten “Kopf an Kopf“-Werken.

Explodierende Formen

Wie sich das Erleben des Kriegs traumatisch Bahn bricht, ist in den großen, in den 60er Jahren entstandenen Kopfbildern von Gerhard Fietz (1910-1997) zu sehen. Schädel, Umrisslinien, tiefe Augenhöhlen, explodierende Formen mutieren immer mehr ins Transzendente.

Ganz anders sind die zarten, wie feine Bleistiftzeichnungen wirkenden Bilder, in denen Ursula Neugebauer, geboren 1960, mit Haaren von Prostituierten etwas über Zerbrechlichkeit des Lebens mitzuteilen scheint – auf eine so sonderbare wie poetische Art. Neugebauer war Meisterschülerin von Timm Ulrichs (79), dem Konzeptkünster und Provokateur, der sich seit 60 Jahren als Totalkünstler versteht. Er hat für sein „Wurzel-Werk“ in Beton-Hohlformen seines Schädels Buchsbäume gepflanzt. Fotos von Ulrichs Spiel mit dem letzten Weg des Menschen zurück in die Natur laden zum Sinnieren ein.

Es gibt eine Menge mehr in dieser sehr sehenswerten Ausstellung mit rund 100 Arbeiten von 26 Künstlern zu entdecken. Zum „Kopf an Kopf“-Konzept spricht bei der Eröffnung am Sonntag, 19. Mai, um 11.30 Uhr Dr. Andrea Fromm. Der Eintritt zu der bis zum 16. Juni laufenden Ausstellung ist frei.

Krieg und Künstler

Russlandfotos aus Soldatenzeiten

Parallel widmet sich im Artrium der KulturBäckerei eine Ausstellung den Russlandfotos von Gerhard Fietz. Der aus Breslau stammende, in Göddingen bei Bleckede gestorbene Künstler hielt in Fotografien, Zeichnungen und Tagebüchern das Erleben des Krieges fest, als sensibler und dokumentierender Beobachter. Zu sehen ist eine von Kristin Halm kuratierte Auswahl aus den Beständen des Kunstarchivs der Sparkassenstiftung. Ein Bericht folgt.

Von Hans-Martin Koch