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Jan-Philip Walter Heinzel und Beate Weidenhammer schwirren als Roland und Marianne durch die Universen. (Foto: Theater)

Was wäre, wenn sie kein Paar geworden wären

Lüneburg. Lecken Sie mal die Spitze Ihres Ellenbogens – warum? Weil dort das Geheimnis der Unterblichkeit steckt. Aber was wäre das für eine Welt, wenn jeder unsterblich wäre? Langweilig, oder? Ganz abgesehen von Aspekten wie Überfüllung und Chaos. Mit dieser Aufforderung weckt Marianne auf einer Party die Aufmerksamkeit von Roland, dem Imker. Und eine Kontaktaufnahme nimmt Fahrt auf, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die beiden nehmen Platz auf dem kreisrunden Liebeskarussell, dem einzigen Mobilar auf der Bühne für das Zwei-Personen-Stück „Konstellationen“, das am Freitag auf der T.NT-Bühne Premiere hatte.

Mal dreht es sich rasend schnell, mal wird es von den Protagonisten selbst in Schwung gebracht, mal ist es Parkbank, mal Bett. Und wenn es stoppt, wird die zuvor gespielte Szene noch einmal dargeboten, als ob man bei einer Video-Aufnahme die Rückwärtstaste gedrückt hätte.

Allerdings hinkt der Vergleich, denn die Wiederholungen sind nicht wirklich gleich. Oft sind es nur Nuancen, mal sind die Sprecherrollen vertauscht, mal ist der Tonfall anders – als ob dasselbe in einem anderen Universum stattfindet. Die Welt der Paralleluniversen ist schließlich die Welt, in der Marianne sich wohlfühlt, denn sie ist Quantenphysikerin. Das Zurückspulen lässt Raum für andere Entwicklungen, frei nach dem Motto „Was wäre wenn“. So funkt es in der einen Welt zwischen den beiden so verschiedenen Charakteren gleich bei der ersten Begegnung, in der anderen aber ist es schon nach zwei Minuten aus.

Die Zeitmaschine steht nicht still

Genau diese feinen Unterschiede sind es, die die Rollen so anspruchsvoll machen, und die Beate Weidenhammer als Marianne und Jan-Philip Walter Heinzel dermaßen verinnerlichen, dass der Zuschauer nur staunen kann. Die Inszenierung von Matthias Herrmann lässt das Duo agieren ohne den Blick auf sie durch Requisiten zu verstellen. Unterstützende Elemente sind lediglich Lichteffekte, etwas Musik und das Drehmobil.

Mal im Hier und Jetzt, mal gestern, mal morgen, mal viele, viele Jahre später, die Zeitmaschine steht nicht still. Dadurch, dass Nick Payne, der Autor des Stückes, dieses Instrument im Zickzack-Kurs steuert und nicht linear, wird eine ungeheure Spannung erzeugt.

Heiraten, Tanzen, Verliebtsein, Krankheit, Seitensprünge, Sterbehilfe – Themen, die seit Adam und Eva die Menschheit beschäftigen, werden szenisch aufgegriffen. Es entstehen viele Puzzleteile, doch wie sie zusemmengestzt werden, das obliegt dem Zuschauer.

Immer wieder erinnert sich Marianne an ihre schwer kranke Mutter, als diese nur noch an Schläuchen hing und nicht mehr selbst bestimmen konnte, was mit ihr passiert. „Mutter wollte das nicht“, hämmert sie verbittert auf Roland ein. Und der reagiert nur mit einem lauten „ja“. Marianne zieht daraus ihre eigenen Schlüsse als auch sie eines Tages krank wird, das Sprachzentrum gestört ist, sie zwar die Wörter noch kennt, aber nicht die Buchstaben, die sie auf der Tastatur ihres Laptops eingeben müsste. Schließlich sind wir „nur Teilchen.“

Die klar strukturierte Welt der Honigbienen

Immer wieder kämpft Roland, der Imker um Mariannes Liebe, verrsucht sie – in seinem Heiratsatrag – mit der klar strukturierten Welt der Honigbienen zu beeindrucken. Und er guckt so herrlich blöd wenn sie von ihrer Forschung spricht, fühlt sich regelrecht angeturnt von ihren in eloquentem Stakkato heruntergebeteten Sätzen zu quantenmechanischen Gesetzmäßigkeiten oder der Stringtheorie. Oder ihr Herz höher hüpfen lässt, wenn er ihr stolz berichtet, dass er eine ihrer Arbeiten downgeloadet hat.

Immer wieder durchleben sie Stunden des Glücks auf dem Liebes- beziehungsweise Lebenskarussell, mal in dieser, mal in jener Welt. Und am Ende im Ausland … Denn die Sache mit dem Ellenbogen klappt nicht. In keiner der vielen Konstellationen des Multiversums. Aber darüber nachdenken und philosophieren, das ist überall möglich.

Eine weitere Vorstellung gibt es am Sonntag, 26. Mai um 19 Uhr.

Von Dietlinde Terjung