Aktuell
Home | Kultur Lokal | Bilder zeitloser Kraft
Mit der Kamera im Tornister: Fotografie einer russischen Bäuerin von Gerhard Fietz, entstanden zwischen 1941 und 1943. Foto: Kunstarchiv

Bilder zeitloser Kraft

Lüneburg. Es sind nur zwei Jahre im Leben des Gerhard Fietz. Aber was heißt „nur“? 1941 wird der 31-jährige Künstler in den Krieg geschickt, als MG-Schütze nach Russland. 1943 wird er schwer verwundet, der Krieg ist für ihn vorbei und liegt ihm doch lebenslang auf der Seele. Fietz, der von 1979 bis zu seinem Tod 1997 in Göddingen bei Bleckede lebte, dokumentierte die zwei Jahre in Tagebüchern, von denen drei erhalten sind, in Zeichnungen und in Fotografien, die jetzt im Artrium der KulturBäckerei zu sehen sind.

Fietz, 1910 in Breslau geboren, studierte an der hoch angesehenen Kunstakademie seiner Heimatstadt bei Alexander Kanoldt und Oskar Schlemmer. Später ging er nach Düsseldorf und schließlich 1937 als Meisterschüler Kanoldts nach Berlin, wo er 1957, 20 Jahre später, eine Professur erhielt. Dazwischen liegen die Jahre, die sein Welterleben und seine Bilderwelt prägten. Gerhard Fietz gehört zu den wichtigen Künstlern, die in der Nachkriegszeit einen neuen, mit der Sprache der Abstraktion formulierten Anfang in der Kunst suchten.

Klage in leisem Ton geführt

Die Tagebücher, die Fotos, die Zeichnungen aus der Kriegszeit lagen lange an der Seite. In seiner Malerei aber brachen sich Mitte der 60er Jahre die Albträume von Krieg, Gewalt und Tod Bahn: Fietz malte deformierte Gesichter voll unbeschreibbaren Schreckens. Es entstanden auch Bilder, die Bunker zeigen, Tote, verwundete Pferde. In seinen abstrakten Bildern schienen sich immer häufiger urknallartige Explosionen zu entladen.

Die Zeugnisse des Krieges, die Kristin Halm aus Beständen des Kunstarchivs der Sparkassenstiftung zusammenstellte, führen ihre Klage auf leisere Art. Kristin Halm hat vier Themengruppen gebildet. Sie folgt dabei dem dritten Band des Werkverzeichnisses, das Manfred Besser mit der Künstlerwitwe Anne Fietz erstellt hat. Landschaften zeigen endlose Weite, einzelne Gebäude, strohgedeckte Hütten, eine Windmühle, alles wirkt karg und einsam. Menschen, Arbeit, Armut nähert sich eine zweite Gruppe von Aufnahmen. Portraits von Menschen kommen hinzu und schließlich Bilder des Krieges.

Menschen, Orte und Landschaften

Zu betrachten sind dokumentarische Aufnahmen eines beobachtenden, befremdeten und berührten Künstlers. Das Zeichnen, Fotografieren und Notieren wird dem Künstler Hilfe beim Verarbeiten der Eindrücke gewesen sein und sei es nur für den Moment. Die Fotografien, die Fietz wie die Briefe und die Zeichnungen aus dem Krieg nach Hause schicken konnte, folgen keiner Logik und keinem Ziel. Sie sind nicht datiert, Menschen, Orte und Landschaften tragen keine Namen. Das gibt diesen Schwarzweiß-Zeugnissen heute so etwas wie eine allgemeingültige, annähernd zeitlose Kraft.

Teile der Bilder waren bereits früher in Lüneburg zu sehen, 2012 auch bei der Stiftung Schloss Neuhardenberg. Die neue Ausstellung, die bis zum 16. Juni läuft, wird von einer – kostenlosen – Broschüre der Edition Kunstarchiv begleitet. Fietz-Kopfbilder aus dem Trauma des Krieges sind ebenfalls bis zum 16. Juni in der KulturBäckerei zu sehen, im Erdgeschoss in der Ausstellung „Kopf an Kopf“.

Von Hans-Martin Koch