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Annegret Soltau, hier mit Kuratorin Kristin Halm (r.) , vor dem Bild der Reihe „Mutterglück“. Foto: t&w

Von Spinnen zu Fäden

Lüneburg. Das Kunstarchiv der Sparkassenstiftung ist um acht besondere Werke reicher: Annegret Soltau überlässt Beispiele aus ihrer Schaffensperiode von 1974 bis 1986. Vorlass nennt man diese Art der Schenkung. Noch können die Bilder im Rahmen der Ausstellung „Kopf an Kopf“ in der Kulturbäckerei in Augenschein genommen werden, genau bis zum 16. Juni. Dann wandern sie in die Räume des Archivs, das die Sparkassenstiftung zusammen mit dem Landkreis Lüneburg 2012 in Neuhaus an der Elbe eingerichtet hat. Dort lagern mehr als 4000 Arbeiten hiesiger Künstler, um eine Art kulturelles Gedächtnis der Region zu schaffen.

Annegret Soltau, eine Lüneburgerin, die sich mit Beharrlichkeit einen Namen in der Welt der modernen Kunst machte, hat Werke ausgesucht, die eine bestimmte Entwicklung ihres künstlerischen Stils repräsentieren. Dazu gehören Radierungen der 70er-Jahre. Angefangen hat es mit Spinnweben, die sie auf einem Dachboden entdeckte. „Die Spinne hinterlässt eine Zeichnung“, erklärt die Künstlerin. Sie ritzte die Muster der Spinnfäden in Druckplatten. „Die Tiefdrucktechnik gibt den Linien etwas Haptisches“, erklärt sie begeistert. Aus dieser Reihe hat sie ein Bild (Nr. 20, 196) ausgesucht, das die Kontur eines Gesichts erkennen lässt, so dass es zum Kopf-an-Kopf-Motto in der aktuellen Ausstellung der Kunsthalle passt.

Wechselspiel aus Verhüllen und Enthüllen

Der Faden. Vom eingravierten Strich zur permanenten Demonstration war es nicht weit. Annegret Soltau, die ihrem Ehemann nach Darmstadt folgte, umschnürte sich mit schwarzem Garn und verband mehrere Personen mit Fäden und ließ diese Ver-Bindungen wirken. Das Wechselspiel aus Verhüllen oder Enthüllen, Verletzlichkeit und Schmerz zeigen in der KulturBäckerei die Bilder, die aus geritzten Negativen entstanden sind. „Das war eine spontane Idee, die mir in der Dunkelkammer beim Erstellen von Abzügen kam“, verrät sie.

„Weibliche Sozialisation und Rollenbilder spielten in einer männlich dominierten Kunstwelt über Jahrhunderte keine Rolle“, sagte Kuratorin Dr. Andrea Fromm zur Eröffnung der Kopf-an-Kopf-Ausstellung. „Es gab ja nur Professoren“, erinnert sich auch Annegret Soltau an ihre Studienzeit in Hamburg Ende der 60er-Jahre. Und daran, wie der Kontakt zu Feministinnen ihr Anfeindungen einbrachten. „Doch als ich in der Szene von meinem Kinderwunsch erzählte, da hatte ich dann plötzlich die Frauen gegen mich.“ Das aber brachte sie nicht davon ab, sie wollte beides, Kinder und Kunst. 1978 kam ihre Tochter zur Welt, zwei Jahre später ihr Sohn. „Ich spürte eine innere Zerrissenheit, aber ich musste diese Kinder zur Welt bringen, hatte das Gefühl, sie sind schon in mir.“

Ein Spiegel von Emotionen

Es seien keine einfachen Jahre gewesen, aber erst kürzlich sagte ihre Tochter, dass sie eine glückliche Kindheit gehabt hätte, „ein schönes Kompliment.“ Immer wieder spielte die Körperlichkeit eine Rolle in ihrem Schaffen. Sie nahm sich selbst zum Modell, „weil ich mit mir am weitesten gehen kann“, hat sie einmal gesagt. Denn es sei ihr immer um den Menschen, nie Mann oder Frau gegangen. Später nahm sie den Faden zum Nähen: Sie zerriss Fotos von sich und auch ihren Kindern, setzte sie neu zusammen und vernähte die Risskanten mit groben Stichen wie Beispiele aus der Serie „Mutterglück“ (Nr. 27) und GRIMA (Nr. 26) zeigen.

Die Werke von Annegret Soltau zeigen wie die rund 90 anderen Bildnisse, dass „das menschliche Gesicht zu den spannendsten und eindrücklichsten Bildmotiven in der Kunst gehört, ein Spiegel von Emotionen und lässt Eigenarten eines Menschen“, sagte Dr. Andrea Fromm zum Thema Porträts in der Kunst.

Die Ausstellung „Kopf an Kopf“ läuft noch bis 16. Juni

Von Dietlinde Terjung