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Saša Stanišic, Jaroslav Rudiš und Heine-Stipendiat Jan Koneffke (v.l.) sind im Juni Gäste des Lüneburger Literaturbüros.

Suche nach der verlorenen Liebe

Lüneburg. Der tschechische Autor Jaroslav Rudiš hat die Sprache gewechselt. In seinem neuen Roman „Winterbergs letzte Reise“ schreibt er erstmals auf Deutsch : Jan Kraus arbeitet als Altenpfleger in Berlin. Geboren ist er in Vimperk, dem früheren Winterberg, im Böhmerwald. Seit 1986 lebt er in Deutschland. Unter welchen Umständen er die Tschechoslowakei verlassen hat, das bleibt sein Geheimnis. Und sein Trauma.

Winterbergs letzte Reise

Am Montag, 3. Juni, 19.30 Uhr, stellt Jaroslav Rudiš seine neue Erzählung im Heinrich-Heine-Haus vor; Moderation: Joachim Dicks vom NDR Hannover. Kraus begleitet Schwerkranke in den letzten Tagen ihres Lebens. Einer davon ist Wenzel Winterberg, geboren 1918 in Liberec, Reichenberg. Als Sudetendeutscher wurde er nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Als Kraus ihn kennenlernt, liegt er gelähmt und abwesend im Bett. Es sind Kraus‘ Erzählungen aus seiner Heimat Vimperk, die Winterberg aufwecken und ins Leben zurückholen. Doch Winterberg will mehr von Kraus, er will mit ihm eine letzte Reise antreten, auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe – eine Reise, die die beiden durch die Geschichte Mitteleuropas führt. Von Berlin nach Sarajevo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest. Denn nicht nur Kraus, auch Winterberg verbirgt ein Geheimnis.

Die nächste Veranstaltung des Literaturbüros Lüneburg folgt zwei Tage später: Am Mittwoch, 5. Juni, wiederum 19.30 Uhr im Heine-Haus, stellen sich Jan Koneffke, der aktuelle Heine-Stipendiat, und Nina Jäckle in einer Tandem-Lesung vor. Moderation: Martina Sulner.

Jan Koneffke, 1960 geboren, schreibt Romane, Lyrik, Kinderbücher und Essays. „Ein Sonntagskind“, der letzte Band der von seiner Familiengeschichte inspirierten Trilogie, wurde 2016 mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet. Nach dem Tod eines linksliberalen Philosophieprofessors findet sein Sohn dessen Briefe aus der Kriegszeit. Darin begegnet er einem Menschen, den er nicht kennt. Winter 1944/45: Um Konrad vor den Werbern der SS zu retten, drängt dessen Vater ihn, freiwillig Reserveoffizier bei der Wehrmacht zu werden. Der Krieg macht durch Zufälle aus Konrad einen Helden, prahlend berichtet er in Briefen über seine Erfolge. Nach Kriegsende jedoch sieht die Welt anders aus. Konrad schämt sich für seine Kriegstaten und verschweigt sie – erst recht, als er Philosophiedozent wird, Schwerpunkt Ethik.

Nina Jäckle, 1966 geboren, erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Evangelischen Buchpreis. 2017 erschien der Roman „Stillhalten“, der die Geschichte ihrer Großmutter erzählt. 1933 ist Tamara Danischewski 21 Jahre alt. Sie studiert Tanz, abends tritt sie im Kabarett auf. Dort lernt sie den Maler Otto Dix kennen, der sie porträtiert, eine Freundschaft entsteht.

Gesichertes Eheleben statt Künstlerdasein

Dann aber verlässt Dix, als einer der ersten Künstler in der NS-Zeit aus dem Lehramt entlassen, die Stadt. Tamara bekommt einige Auftrittsangebote, doch sie geht das Wagnis eines ungesicherten Lebens als Tänzerin nicht ein. Stattdessen heiratet sie 1936 einen Mann, der ihr eine Existenz bieten kann, Tamara jedoch das Tanzen verbietet.

Donnerstag, 13. Juni, 19.30 Uhr, Heine-Haus: Saša Stanišić liest aus „Herkunft“. Das hochgelobt Buch dreht sich um den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. „Herkunft“ ist ein Buch über die Heimaten von Saša Stanišić, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als sein Großvater seiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass er beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als er fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als er nach Deutschland floh.

„Herkunft“ ist ein Abschied von der dementen Großmutter. Während Saša Stanišić Erinnerungen sammelt, verliert sie ihre. In „Herkunft“ sprechen die Toten und die Schlangen, und seine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden. Saša Stanišić lebt seit 1992 in Deutschland. ff