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Nils Wülker verbindet die pure Melodienschönheit mit der Spontaneität des Jazz. Foto: t&w

Immer gerade noch rechtzeitig ausbrechen

Lüneburg. 2015 ging es „Up“ für Nils Wülker, 2017 „On“ und nun hat der 41-jährige Trompeter und Flügelhornspieler sein mittlerweile zehntes Album nachgeschoben: „Decade Live“. Kein Album ohne Tour! Mit Konzerten wird nun mal das Geld verdient, das Tonträger heute nicht mehr einspielen. Die JazzIG holte Wülker und Band jetzt ins Kulturforum, wo vor gut 400 Besuchern zwei Stunden so ohrenschmeichelnder wie mitreißender Jazz zu erleben war. Das war das zweite Top-Jazzkonzert des Jahres in der Stadt – nach 4 Wheel Drive in der Leuphana.

Ganz schön schön ist das, was Wülker spielt. Er fand spät zum Jazz, hatte Klavier gelernt und klassische Trompete. Dann kam Miles Davis über ihn bzw. dessen legendäres Album „Kind Of Blue“. Wülker war infiziert und machte sich auf einen Weg, der heute Rockiges und Funkiges aufsaugt, der Pop-infomiert ist und behutsam elektronische Sounderweiterungen einflicht. Wülker hat mit der norwegischen Sängerin Silje Nergaard gearbeitet, mit Stings Gitarristen Domnic Miller, mit Rapper Marteria. Alles und viel mehr von Weather Report bis – nun ja – Miles Davis kann man an diesem Abend heraushören. Aber es ist denn doch der ureigene entspannte, aber nie öde Wülker-Sound, der das Konzert prägt.

Wülker spielt wunderbar weich angesetzte, fast schon romantische Melodiebögen, sie besitzen erzählerische Kraft. Zum Beispiel bei „Dawn“, wenn sich der Klang aus einer Handvoll Piano-Akkorden sanft erhebt, um ins pralle Sonnenlicht aufzusteigen und zu glitzern. Wülker versteht es in Komposition und Arrangement, Spannung aufzubauen. Er bricht immer dann, wenn es zu schön zu werden droht, aus ins Improvisieren.

Jede Menge Dynamik

Für Brüche sorgt auch die Band. Pianist Jan Miserre setzt nahezu impressionistische, getupfte Klangfarben neben rasante Jazzrock-Läufe. Vor allem aber ist es Gitarrist Arne Jansen, der mit ein paar Riffs und rockig inspirierten Soli dem Wohlklang-Sound jede Menge Dynamik verpasst und immer wieder das, was sich unter Groove einordnen lässt. Oli Rubow bekommt Gelegenheit zu zeigen, dass Drums „sprechen“ können, Edward Maclean verströmt Bass-Gelassenheit. Neu ist das alles nicht, aber frisch und aus Erfahrung gut.

Jazzstücke entwickeln sich jeden Abend neu und zugleich weiter, sie sind Musik für das Hier und Jetzt. Das einmal festzuhalten, sei der Grund für sein Live-Album gewesen, sagt Nils Wülker. Mehr Raum, aus der songähnlichen Struktur auszubrechen, bieten Live-Konzerte und -Mitschnitte. Am besten allerdings live ohne Album, da gibt es auch Zugaben.

Von Hans-Martin Koch