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Tanz in der Wüste: Ein Motiv aus „Der kleine Prinz“, choreographiert von Olaf Schmidt. Foto: t&w

In der Wüste blüht eine Rose

Lüneburg. Das Brummen der Motoren bricht ab, das Flugzeug stürzt, der Bruchpilot hockt in der Wüste, seine Reise beginnt. Hier, mitten in der lebensfeindlichen Einöde, begegnet er, womit er wohl am wenigsten gerechnet hat – einer Gruppe spielender Kinder, die ihn, den Abenteurer und Fliegerhelden, unversehens in ihre Welt locken. Mittendrin: der kleine Prinz. Dieser bezaubernde Weltenwanderer, nur scheinbar naiv und kindlich, wird für den Gestrandeten zur Fata Morgana, die aber nicht in die Irre führt, sondern zu einem Vexierbild seines Lebens und seines Daseins.

Man sieht nur mit dem Herzen gut

Das ist die Geschichte, die Antoine de Saint-Exupéry – im Zweiten Weltkrieg Pilot eines Aufklärers und seit dem 31. Juli 1944 verschollen – weltberühmt machte. Seine märchenhafte Erzählung „Der kleine Prinz“, vom Autor selbst illustriert, ist mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Bücher der Welt. Zugleich ist dieses schmale Bändchen eine Goldgrube für darstellende Künstler. Zwei von ihnen stellten jetzt im Theater Lüneburg, unabhängig voneinander, und doch aufeinander bezogen, ihre Arbeit vor: Ballettchef Olaf Schmidt und sein alter Weggefährte Anselmo Zolla aus Brasilien führten ihre Protagonisten in jeweils rund dreiviertelstündigen Choreographien in völlig unterschiedliche Welten, in denen dann doch die gleichen, von Antoine de Saint-Exupéry formulierten Gesetze gelten: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“, und „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Eine echte Uraufführung also, zumal Musikdirektor Thomas Dorsch für die erste Version von Olaf Schmidt eigens die Musik komponierte: ein romantische Sinfonie, die ein wenig den Re­tro-Charme alter Hollywoodfilme transportierte, sich an der Sprachmelodie des franzöischen Ursprungstextes orientiert. Für seine „Rhapsodie über den kleinen Prinzen“ verwendete Anselmo Zolla vertraute Themen von Samba, Bossa Nova, dazu brasilianischen Pop – farbenprächtige Karnevalsmusik, aber über weite Strecken auch reine Percussion-Passagen, zuweilen reduziert bis auf den Herzschlag.

Ein König, eine Schlange, ein Säufer

Ein paar Vorkenntnisse der zentralen Motive werden schon vorausgesetzt (aber man kann ja auch rechtzeitig das Programmheft lesen). Sie tauchen als Tanzende in den beiden Stücken auf. Da ist zuallererst die Rose, für den kleinen Prinzen auf seinem winzigen Heimatstern der wichtigste Freund. Gemeint ist, je nach Interpretation, die Mutter von Saint-Exupéry, oder auch, deutlich überzeugender, seine Ehefrau Consuelo. Es folgen: ein Laternenanzünder, ewig der gleichen, monotonen Arbeit verhaftet, ein König, eine Schlange, ein Säufer, ein eitler Mensch, ein Fuchs und ein Geschäftsmann.

Olaf Schmidt siedelt die Geschichte am Originalschauplatz an, also in der Wüste: Glutheiße Tage wechseln mit kristallklaren, kalten Nächten, es gibt tatsächlich ein paar Handvoll Sand auf der Bühne, und ein jeder mag für sich entscheiden, ob die vier Klettergerüste nun Dünen oder die Skelette der Tragflächen sind. Olaf Schmidt bleibt vergleichsweise eng an der Vorlage, lässt die Kinderschar auch mal wie Schafe blöken: Die Aufforderung des kleinen Prinzen „Mal mir ein Schaf!“ die zur Reflexion über das Abgebildete und das Erkennbare führt, gehört schließlich zu den Kernmotiven der Erzählung.

Karneval in den dunklen Gassen

Anselmo Zolla führt seine Mannschaft in den Großstadt-Dschungel, hier gibt es nur Kunstlicht und keine Tageszeiten, der kleine Prinz, eher androgyn als kindlich, ist nicht so einfach einzuordnen. Die Akteure wechseln ihre Geschlechter, einige Rollen (Säufer, Geschäftsmann, etc.) wurden gestrichen, die Menschen in dieser anonymen, konturenlosen Welt (die Bühne, gestaltet von Barbara Bloch, ist nun gänzlich schwarz) treffen unmittelbar aufeinander. Wo in Teil eins die Kostüme (Claudia Möbius) die staubige Wüstenwelt spiegeln, selbst Wasser wird durch Sand dargestellt, begegnen wir hier nun den Geistern der Nacht, jenen Gestalten, die ihren Karneval in den Gassen jenseits der großen Straßen feiern.

Es tanzen, hier wie dort: Sarah Altherr, Júlia Cortés, Wout Geers, Rhea Gubler, Wallace Jones, Phong Le Thanh, Gabriela Luque, Francesc Marsal, Paul Pérez Piqué und Claudia Rietschel. Beide Inszenierungen wurden vom Publikum mit langem Applaus und Jubel gefeiert, Teil zwei sogar noch ein wenig lauter. Aber das mag auch dem Ganzen gegolten haben.

Von Frank Füllgrabe