Dienstag , 17. September 2019
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Inge und Michael Seelig begutachten ihre Arbeit. Hier, auf Hof Kukate, hatte die Kulturelle Landpartie ihren Anfang. Foto: oc

Wendland ist Sehnsuchtsland

Kukate. Die großen Kastanien lassen ihre Blüten zu Boden gleiten. Hahn und Hennen bepicken seelenruhig den Hof, irgendwo ruft jemand etwas, dann ist es wieder still. Nur die Vögel tschilpen, girren und flöten weiter ins Idyll hinein. An einer Hauswand reihen sich aber lange Stapel von Stühlen, denn das Idyll auf dem Werkhof Kukate macht nun Pause, von Himmelfahrt bis Pfingsten. Die Sonne wird scheinen, es wird voll werden bei der Kulturellen Landpartie, die in ihrer 30. Ausgabe 126 Punkte an 90 Orten umfasst. Kukate ist ein Klassiker der KLP – und eine Keimzelle.

Castor-Transport und Kunsthandwerk

Im Kern sind es zwei Keimzellen, aus denen das spross, was heute als „größtes selbstorganisiertes Kulturfestival in Norddeutschland“ firmiert. So schreiben es die Organisatoren im „Reiseführer“, der für die kommenden zwölf Tage eng bedruckt Ausstellungen, Konzerte, Theater, Lesungen, Yogastunden, Naturerkundung und vieles mehr auflistet. Der Anfang der KLP führt 1988 zu einem Tisch in Kukate, auf den Werkhof von Inge und Michael Seelig. Sie organisierten dort mit Freunden ab 1985 einen Pfingstmarkt, der für Weberei und anderes hochwertiges Handwerk stand. Der Pfingstmarkt wurde voll und voller, Seelig animierte bald weitere Wendlandbewohner, selbst Höfe und Werkstätten zu öffnen. Das kam langsam in Fahrt, bekam magnetische Kraft, das Ergebnis ist bekannt: Längst gibt es bei Sonnenschein Staus in Salderatzen, Bülitz, Kussebode und anderen Hotspots.

Die andere Strömung ist die politische. Sie trug den Titel Wunde.r.punkte, als Logo diente ein laufender Fisch. Es war auch im Jahr 1985, als Busse mit verhängten Fenstern durch den Landkreis Lüchow-Dannenberg fuhren und die Mitreisenden an wunden Punkten ausstiegen, etwa am Atommülllager Gorleben oder an der Ruine der Dömitzer Brücke. „Hart an der Grenze“ hieß die magisch-mysteriöse Tour.

Wunde.r.punkte

Vier Jahre hielt das Motto Wunde.r.punkte, aber: „Man kann nicht Batik und Keramik anbieten und darüber schreiben: Dies ist eine politische Veranstaltung“, sagt Seelig. Seit 1990 steht „Kulturelle Landpartie“ über den zwölf Tagen. Vielerorts lässt sich dennoch der Spagat zwischen Filzhut-Verkauf und Polit-Anspruch besichtigen.

Die Seeligs waren Mitte der 70er nach Kukate gekommen – wie viele andere zählten sie zu denen der 68er-Generation, die raus aus der Stadt wollten und im abgelegenen Wendland Platz für andere Formen von Leben und Arbeit fanden. Seeligs waren Lehrer, er unterrichtete in Clenze. Stein um Stein bauten sie den Werkhof auf.

Inge Seelig bildete sich beim Dahlenburger Heinz Meyer zur Handweberin aus, machte den Meister und richtete ab 1990 Weberklassen ein. Mit großem Erfolg. Auf mehr als hundert Absolventen kann Inge Seelig verweisen – „es gibt so etwas wie das, was wir machen, sonst nicht“, sagt sie. Leiser Stolz schwingt darin mit, mehr aber so etwas wie Dankbarkeit, das ausüben zu können, was sie erfüllt.

Michael Seelig ist heute 77, der Bart ist weiß, die Augen blitzen, er strahlt Tatendurst aus. Beim Blick zurück sagt er: „Ich habe die KLP nicht gemacht, aber ohne mich gäbe es sie nicht.“ Heute sind ihm Teile der KLP zu rückwärtsgewandt, es bringe nichts, nur den „Geist von Gorleben“ zu beschwören. „Das ist Geschichte.“

Junge Leute braucht das Land

Seelig blickt lieber nach vorn: „Junge Leute braucht das Land“. Die Nachfrage sei da, denn „Wendland ist Sehnsuchtsland“. Es gebe aber keine Mietwohnungen in den Dörfern, es brauche frische Ideen, um jungen Menschen Perspektiven zu bieten. In Kukate steht schon eine Ausstellung über „Tiny Houses“ mit Ideen von Studierenden zu neuen, mobilen und modular wandelbaren Wohnformen.

Entwickelt werden solche Ideen in der Grünen Werkstatt Wendland, einer Art Kreativlabor für die Zukunft des von Pfingsten bis Himmelfahrt so beschaulichen Landkreises. Michael Seelig ist da mal wieder ein Motor. Der politische Kern der KLP bleibt aber nah. Aus der Grünen Werkstatt kommt „Super-Gaudi, das witzige Atommüll-Versteckspiel“, bei dem es um „tricksen, tarnen, täuschen“ geht.

Von Hans-Martin Koch