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Die Geister des world wide web tanzen in der Choreographie von Matthew Sly. Foto: Theater

@DonQuixote#dieWahrheit

Lüneburg. Fantasy-Serien, Schminktipps, Musikvideos, die schöne Natascha sucht einen treuen deutschen Ehemann, und Banken auf Südseeinseln vermehren das Geld quasi von allein: Das Internet ist ein unendliches Paradies. Kein Wunder, dass der arme Don Quixote, nachdem er erst einmal das Tor zum world wide web durchschritten hat, sich sofort verirrt. Überall lauern Fakes und Fallen, dabei ist doch die wirkliche Welt schon kompliziert genug. Oder ist das Internet die Wahrheit?

Die Expedition eines tragikomischen Helden

Davon handelt ein Tanzstück, dessen Titel so kompliziert ist wie die Suche nach vertrauenswürdigen Daten: „DonQuixote#-LaMancha#theTruth“, natürlich mit dem Internet-@ vorneweg. Matthew Sly choreographierte den rund 70-minütigen Szenenreigen, erweitert um Elemente der Pantomime, für den TanzJugendClub des Theaters Lüneburg – und tanzte auch die Titelrolle, Hauptdarsteller Arne Wachtel war erkrankt.

Natürlich bietet das „www“ massenhaft Themen. Aber lassen sich Spam-Mails und Hashtags auch tanzen? „Ein Ausgangspunkt war tasächlich eine E-Mail, die ich erhalten habe, angeblich von der Han Seng Bank in Hongkong“, sagt Matthew Sly. Seither sammelte er solche Betrügereien, Ideen, Geschichten – und konnte wohl davon ausgehen, dass sich sein junges Ensemble mit Instagram, Facebook und Snapchat im Zweifelsfall besser auskennt als er selbst, was wiederum die Zusammenarbeit befeuerte.

Aller Anfang ist schwer

Als Hauptfigur also wurde Miguel de Cervantes Ritter von der traurigen Gestalt gewählt, was auf den ersten Blick irritiert und dann doch Sinn macht: Der alternde Don Quixote, der in eine romantische Idealwelt geflüchtet ist, wird hier zum tragikomischen Helden, der das Tablet entdeckt. Was muss er entdecken? Cervantes hatte seinen Don Quixote als Parodie und Gegenentwurf zu all den schlampig geschriebenen Pamphleten in die Schlacht geschickt, die schon im 17. Jahrhundert die literarischen Standards bedrohten. Und nun muss er all diese dilettantisch formulierten Satz-Trümmer lesen, die sich Chats nennen.

Aller Anfang ist schwer: Passwort eingeben? Quixote tippt brav „Passwort“ und kommt doch nicht weiter. Und auch der Suchbefehl „Wahrheit“ bringt keine rechten Ergebnisse. Die Musik reicht von Max Raabe über Fiona Apple und Lady Gaga bis zu Queen, sie illustriert die Stationen des surfenden Ritters: Tinder – so viele schöne Frauen, aber keine Chance, sie zu erreichen. Überall poppen Fenster auf, die doch keinen Ausblick bieten. Fasziniert beobachtet der Ritter ein Kampfvideo, das ist doch schließlich sein Metier, aber wofür wird da gekämpft? Nur so? Kampf ist doch dazu da, dem Guten und Edlen zum Sieg zu verhelfen!

Biedermann und die Fitness-Girls

Don Quixote erscheint als fettig-strähniger Biedermann im Rautenpullover, er wird umwirbelt von Mädels im modernen Fitness-Look, die mal Mobbing, mal Fighting und mal das „Posting eines Betrunkenen“ szenisch darstellen. Nicht alles ist wirklich zwingend, aber ein Thema wie etwa Verschwörungstheorien lässt dafür Spielraum für eigene Assoziationen, und wer nicht mehr durchblickt, der hat ja auch noch die Übersicht im Programmflyer.

Es tanzen Melisande Ahrweiler, Emilia Alakperova, Masha Best, Finja Boldt, Jana Hecker, Jule Holzer, Lara Kaßat, Nicole Rudolf und Julie Wiesenberg, als Gäste sind Finn Söder und Lily Fänger genannt. Langer Applaus für das Ensemble, das vor allem mit ambitionierter und harmonischer Geschlossenheit beeindruckte. Nächster Aufführungstermin: Donnerstag, 6. Juni, 20 Uhr im T.3.

Von Frank Füllgrabe