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Leben im falschen Körper

Lüneburg. Zwei Frauen, als Männer geboren. Sie waren Profitänzer, studierten bei berühmten Compagnien, tanzten zum Beispiel an der Staatsoper Hamburg. Nur: Sie fühlten sich in ihren Körpern nicht zu Hause. Sie waren Tänzer, empfanden sich als Tänzerinnen und wagten den Schritt zur Transition, anders gesagt: Sie leben heute ihr wahres Ich, auch wenn es das Ende der Karriere bedeutet. Nun gehören sie zum weltweit ersten Transgender-Theater, das seine bisher größte Produktion im Theater Lüneburg zur Uraufführung bringt: „Transparência“.

Als Transgender werden Menschen bezeichnet, deren Identität nicht dem Geschlecht entspricht, das ihnen zur Geburt zugewiesen wurde. Über das Thema wird nicht gerade offen gesprochen. Das zu ändern, Scheu zu nehmen, Geschichten von Menschen zu erzählen, das ist die Mission des Transparence-Theaters, das Wallace Jones, Kolja Schallenberg und die Tänzerin Aline de Oliveira 2016 in Hamburg gründeten. Sie ist Transgender. Wallace Jones, Tänzer am Theater Lüneburg, aktuell im „kleinen Prinzen“ zu sehen, kennt sie aus ihrer gemeinsamen Heimat Brasilien.

Näher an den Wurzeln

Vier Jahre trug Jones die Idee eines Transgender-Tanztheater-Ensembles mit sich, bis er mit der Transparence-Gruppe ein Team zum Thema fand. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass Transgender oft erhebliche Probleme haben, in ihrem Beruf zu arbeiten. „Wir wollen Perspektive bieten“, sagt Jones. Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank hat die Schirmherrschaft des Projekts übernommen. Wallace Jones choreograpiert das Stück, Kolja Schallenberg führt Regie. Er verdient sein Geld unter anderem damit, dass er Shows für die AIDA-Schiffe ins Laufen bringt. Jetzt kommt ein ernstes Thema hinzu. „Ich wollte wieder inhaltlicher arbeiten, näher an meinen Wurzeln“, sagt der Hamburger.

Keine Antwort von Theatern

„Transparência“ erzählt in rund 75 Minuten die Geschichte eines Menschen, der in einem Körper steckt, der nicht seiner zu sein scheint. Dahinter stehen die großen Fragen der Identität: Wer bin ich, wohin gehe ich? Alle vier Akteure sind Transgender, Jones und Schallenberg nicht. Das Stück haben sie im Team erarbeitet, es verbindet Tanz und Text, handelt von Leben, Liebe, Sex und Geschlecht, erzählt seine Geschichte mit Humor und Traurigkeit, verwendet Musik von Queen bis Wagner.

„Lüneburg ist das einzige Haus, das sich uns öffnet“, sagt Schallenberg. „Von fast allen anderen angesprochenen Theatern bekamen wir nicht mal eine Antwort. Das ist für uns unverständlich.“ Die Gruppe hofft, dass sich das schnell ändert und nun vor allem, dass sich Publikum für die „Transparência“-Premiere findet. Das Gastspiel ist im T.NT des Theaters vom 14. bis 17. Juni und am 25./26. Juni zu sehen.

Vor und nach den Vorstellungen werden Vertreter von Checkpoint Lüneburg zugegen sein. Der Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, Diskriminierungen entgegenzuwirken.

Von Hans-Martin Koch