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Keine Namen, nur Farben: Das StudiSchauspiel 2019 dreht sich um Wahrnehmung von Individualität und Wahrhaftigkeit. Foto: t&w

Hier bin ich Mensch…

Lüneburg. Jeder Mensch ist einzigartig. So sagen wir es zumindest denjenigen, die Zuspruch brauchen, weil sie sich nicht recht behaupten können in der Gesellschaft, weil sie sich blass fühlen und glauben, nicht wahrgenommen zu werden. Aber stimmt das auch wirklich? Ist nicht jede ach so individuelle Eigenschaft bei Millionen Zeitgenossen viel ausgeprägter vorhanden? Darum dreht sich die neue, rund einstündige Produktion des StudiSchauspiels; Titel: „Theaterlabor: Hier bin ich Mensch“.

Tülin Pektas und Jan-Philip Walter Heinzel haben mit Studierenden etwas entwickelt, was sich irgendwo zwischen Theaterstück und Happening bewegt, also an sich schon mal ziemlich einzigartig ist. Schnell, dynamisch und frech geht es zu: „Sie werden kein Schauspiel sehen und keine Bilder“, lautet die Begrüßung des Publikums, „sie haben etwas anderes erwartet!“

Ein bisschen Individualität darf schon sein

Elf Menschen, elf Perücken, dazu farblich passend elf Stühle. Ein bisschen Individualität darf also schon sein, auch wenn es keine Namen gibt und die Klamotten ansonsten einheitlich, also Uniformen sind. „Ich bin einzigartig, weil ich Biochemie studiere“, sagt die eine, „ich bin einzigartig, weil ich Snacks mag“, sagt eine andere. Die ansonsten kahle Bühne wirkt wie eine Arena, in der kleine Dramen gespielt werden, die ineinander übergehen, ohne eine stringente Handlung zu transportieren. Aber es soll ja auch kein herkömmliches Theaterstück sein.

Der Titel suggeriert etwas anderes: „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein“, so endet Goethes „Osterspaziergang („Vom Eise befreit…“). Der Dichterfürst wird tatsächlich ausführlich zitiert, ebenso der Monolog des Faust („Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin– und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn). Doch diese vertrauten Textzeilen, die zum Fundes des klasssichen Bildungsbürgers gehören, und in denen es ja auch um Selbstfindung, und die Suche nach der eigenen Identität geht, werden als Analyseobjekte in den sterilen Raum gesprochen, eine Laborsituation eben.

Was hat das schon zu bedeuten?

„Ich kann das nicht spielen“, rebelliert einer der Protagonisten, die Klassiker bieten keine Orientierung. Heutzutage heißt es ja auch eher sinnfrei: „Follow your dreams“. Die Kalendersprüche auf dem Klo der Eltern waren allerdings auch nicht besser. Influencer bei Youtube haben mit ihren Schminktipps mehr Klicks, als jemals Goethbücher verkauft werden. Andererseits: Was hat das schon zu bedeuten?

Es geht weniger um Einzigartigkeit als um Wahrhaftigkeit, „Ich lese die gleichen Bücher, höre die gleiche Musik und sehe die gleichen Filme wie andere auch“, heißt es da. Na und? Wo ist das Problem? Es ist die Summe seiner Eigenschaften, Handlungen und Gefühle, die einen Menschen bestimmen. Und für Einzigartikeit gibt es keine Steigerungsform, weder sprachlich noch in der Sache.

Tülin Pektas und Jan-Philip Walter Heinzel, beide altersmäßg nicht so schrecklich weit von den Studierenden entfernt, haben ihren Akteuren Entfaltungsraum gegeben, ihre eigenen Texte sprechen lassen, ein Labor eben, eine Versuchsanordnung. Es spielen Neele von Döhren, Carolin Mackert, Hannah Kahlke, Helena Wagner, Rebekka Eitel, Jula Fricke, Emma Wiebking, Mariella Mangold, Katharina Quest, Pascal Herm und Mira Zimmermann. Langer Applaus für das punktgenau agierende Team, bei dem jede(r) Einzelne lustvoll das Geschehen mit vorantrieb. Termine: 12., 27. und 28. Juni, 20 Uhr, T.NT.

Von Frank Füllgrabe