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Jörg Maurer im Gespräch mit Lektorin Dr. Cordelia Borchert – und mit dem Publikum. Foto: t&w

Das Maurer-Universum

Lüneburg. Jörg Maurer zählt 55 Jahre, als er seinem Leben ein neues Kapitel gönnt. Er hatte einen Magister über den unergründlichen Autor Arno Schmidt abgelegt, einige Jahre am Gymnasium unterrichtet. Er absolvierte 2000 Shows als Musikkabarettist, gründete für das Genre eine Bühne in München, und 2009 bündelt Maurer seine Lebenserfahrung in Hubertus Jennerwein. Maurer steigt Knall auf Fall zum Alpenkrimi-Star auf. Sein Kommissar Jennerwein thront gerade wieder auf der Bestsellerliste und bekam nun einen vergnüglichen Abend in der Ritterakademie.

Es hätte ja um den jüngsten Maurer-Hit gehen können: „Am Tatort bleibt man ungern liegen“. Vorgänger hießen „Im Grab schaust du nach oben“ und „Am Abgrund lässt man gern den Vortritt“. Die Titel kennzeichnen die Methode Maurer. Der Autor aus Garmisch-Partenkirchen bringt Witz und Spannung zusammen, eine heikle Mischung, aber sie funktioniert. Nicht genug damit. Maurer spielt mit dem Stil, er bricht das Erzählen auf, führt skurrile Nebenhandlungen ein, denn „am Wegrand blühen sonderbare Blumen“. Maurer pflückt sie alle. Aktuelles Beispiel: Was machen der hagere Ritter von der traurigen Gestalt und sein Knappe im alpländischen Kurort, in dem Jennerwein Jahr um Jahr einen neuen Fall knackt?

Dichtung und Wahrheit

Die Quijotterie aber ist kein Thema an diesem Abend. Maurer treibt lieber seine Werkstatt-Show weiter. Er schreibe gern im Zug und in belebten Cafés, das rege ihn an. Es mündet in Maurers Art von Dichtung und Wahrheit. Er jubelt gelegentlich Berühmten wie Thomas Mann groteske Fake-Zitate unter. Die stelle er schon mal bei Wikipedia ein, sagt er und dann warte er, ob sie wieder gelöscht werden. Maurer liebt auch die Variation und das Ausreizen der doppelten und dreifachen Böden, die ihm mancher Begriff bietet, etwa „Unterholz“.

Maurer liest weiter nicht aus dem neuen Krimi, sondern einen Kapitelbeginn. Ihm fügt er Versionen à la Pinocchio und Thomas Bernhard hinzu. Er wechselt in meditativen, fernöstlichen Philosophenton und die bayrische Variante singt er als krachledernen Schunkler. Das Publikum ist begeistert.

Mittelgroß, mittelmuskulös, mittelgut aussehend

Maurers Auftritt wurde von Lünebuch-Chef Jan Orthey als bundesweit einzige Lesung aus dem neuen Buch angekündigt. Maurer verrät aber so gut wie nix aus dem höchst verschrobenen und vergnüglichen Krimi, dafür einiges über Wiederkehrer in der Jennerwein-Welt, etwa das kriminell begabte Bestatterehepaar Grasegger. Jennerwein selbst, „mittelgroß, mittelmuskulös, mittelgut aussehend“, hat seinen Namen von einem Wildschütz bekommen, der als Robin Hood der Alpen dereinst mit einem Schuss in den Rücken die ewigen Jagdgründe erreichte.

Runde 100 äußerst kurzweilige Minuten dauert die Jörg-Maurer-Show, zu der Fußball-Kommentare im Stil Shakespeares und Rilkes gehören, in Haiku-Kürze und auf Kafka-Weise. Maurers Lektorin Dr. Cordelia Borchert hatte den Autor per Eingangsgespräch vorgestellt. Ohne sie, sagt Maurer, hätten seine Bücher 2000, 3000 Seiten. Aber das stimmt natürlich auch nicht. Oder vielleicht doch? Ist egal. Hauptsache, es jennerweint weiter.

Von Hans-Martin Koch