Aktuell
Home | Kultur Lokal | Zeitzeichen von der Elbe
Die Malerin Franek stellte zuletzt in der Lüneburger Kulturbäckerei aus. Foto: t&w

Zeitzeichen von der Elbe

Radegast. Schamanen und Medizinmänner, Werwölfe, Götter, Geister, Kobolde und Fabelwesen: Die Künstlerin, die sich kurz Franek nennt, schöpfte ihre Themen immer wieder aus Mythen, Spuk und Sagen. Vieles ist groß und vieles großartig im Werk der Künstlerin, die nun 80 Jahre zählt und nach wie vor produktiv auf stets neuen Wegen unterwegs ist. Sie kennt keinen Stillstand. Die Zeit zur Rückschau ist dennoch angebrochen: Der erste von zwei Bänden eines Werkverzeichnisses liegt vor, ein recht üppiges Buch voller Erkennungsflüge.

Den Begriff hat Franek, 1939 in Potsdam geboren, einmal über ihre Arbeit gestellt. Erkennungsflüge: Tatsächlich flog Franek bei ihren künstlerischen Expeditionen in die Erkenntnis weit. Sie tauchte in die Kultur der Maya ein, griff indianische Zeichensprache auf, rieb auf Gran Canaria einen Opferplatz auf ein großes Leintuch ab, und vor 35 Jahren kam sie ins Grenzland an der Elbe.

Zum ersten Mal Heimatgefühle

Sie blieb. „Zum ersten Mal in meinem Leben entwickelte ich so etwas wie Heimatgefühle“, sagt sie 1986 in einem Gespräch mit der Kollegin Sarah Schumann. Der Band „Bär schaut zurück“ dokumentiert das Gespräch der Künstlerinnen, die beide Stipendiatinnen der Künstlerstätte Schloss Bleckede waren.

Sabine Franek-Koch kam 1984 von Berlin aus an die Elbe. Sie fand in Radegast einen aufgegebenen Bauernhof, der ihr noch mehr Platz bot als ihre große Berliner Wohnung. Beide bewohnt sie bis heute im Wechsel.

Zur Kunst kam Franek vor 60 Jahren. Sie selbst skizziert eingangs des Bands, der die Jahre bis 1990 umfasst, ihren Lebensweg in groben Zügen als Geschichte des Erfolgs.

Felsmalerei und Graffiti

Weitere Texte vertiefen den Blick in ein künstlerisch sehr reiches Werk, das über lange Zeit immer wieder archetypische und archaische Bild- und Schriftzeichen aufgriff. An der Elbe wurden es nebulöse Geschichten zwischen Havekost, Vitico und Heisterbusch, die sich in Franeks offene Bilderwelt übertragen ließen.

Frei im Raum schwebende Tier- und Menschenwesen, oft nur schemenhaft ausgeführt, raunen von Welten, die sich Ratio und vermeintlicher Realität entziehen. Franeks künstlerische Sprache kennt Felsmalerei und Graffiti, löst sich aber zu eigenen Höhenflügen und kann sich auch formal ins Überdimensionale steigern. Wandhohe Gemälde entstanden auf dem farbbeklecksten Boden der Radegaster Tenne.

Die Frage nach dem Wohin

Es greift natürlich zu kurz, Franek auf eine Kunst der Zeichen festzulegen. Das zeigt sich beim Durchstreifen des 256 Seiten umfassenden Bands schnell. Neben dem Dokumentieren des Lebenswerks steht mittlerweile bei Franek – wie bei so vielen Künstlern – die Frage des „Wohin“ im Raum. Werke der Künstlerin finden sich heute zwar in bedeutenden Museen und Galerien, auch im Deutschen Bundestag. Dazu hat das Kunstarchiv der Sparkassenstiftung Lüneburg ein Kernwerk von etwa 250 Arbeiten aufgenommen. Aber damit sind bei weitem nicht alle Schätze gehoben.

Es ist im Laufe der Jahrzehnte eine ganze Reihe von Franek-Katalogen und -Künstlerbüchern entstanden. Nun wird es enzyklopädisch, aber nicht trocken. Frieder Zimmermann hat Franeks Buchkonzept sehr ansprechend gestalterisch umgesetzt. Erschienen ist das großformatige, zweisprachige Buch „Bär schaut zurück“ im Distanz Verlag, er kostet 44 Euro. Teil zwei ist noch nicht terminiert.

Von Hans-Martin Koch