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Maricel Wölk schrieb die Texte, die meisten Melodien – und singt die Titel-Partie. Foto: t&w

Die Seele schreit

Lüneburg. Es geschieht sicher nicht alle Tage, dass sich die Leitungsebene eines Theaters dazu entschließt, einen neuen Stoff zu unterstützen, der sich noch nicht richtig bewährt hat. Umso glücklicher schätzt sich Maricel Wölk, die Gelegenheit bekommen zu haben, ihre Inspiration am Theater Lüneburg in Musik und Worte umzuwandeln. Beim Musical „Jeanne d‘Arc – Die Jungfrau von Orléans“ zeichnet sie nicht nur für die Texte, sondern auch für die meisten Melodien verantwortlich. Unterstützung erhielt sie dabei von Thomas Lange und Thomas Dorsch. Letzterer arrangierte die Musik für Chor und Orchester und erzeugt zwischen klassischem Orchestersound und rockigen Gitarrenklängen eine reizvolle Spannung.

Politische Intrigen, himmlische Visionen und eine unmögliche Liebe – der Stoff, aus dem man Musicals macht. Warum das nicht schon längst geschehen ist, fragt sich Maricel Wölk noch immer. Zu ihrer eigenen Faszination kam die Überzeugung von der bühnentauglichen Spannung des historischen Stoffs. Das Ergebnis war nun erstmals in einer konzertanten Aufführung des Musicals am Theater Lüneburg zu hören.

Zwischen England und Frankreich

Maricel Wölk, die an diesem Abend auch selbst die Rolle der Johanna singt, nimmt das Publikum mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Mitten im hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich hört die 13-jährige Johanna Stimmen. Sie sei auserwählt, dem französischen Thronfolger Charles VII. zu seinem Recht zu verhelfen und die englischen Truppen aus Frankreich zu vertreiben.

Es gelingt ihr tatsächlich, Charles von der Wahrhaftigkeit ihrer Visionen zu überzeugen und die Belagerung Orléans zu beenden. Nur wenig später wird sie jedoch verraten und gerät in Gefangenschaft. Sie wird als Ketzerin und Hexe angeklagt und schließlich in Rouen grausam auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Da bei einer konzertanten Aufführung die szenischen Vorgänge fehlen, schlüpft Friedrich von Mansberg in die Rolle eines Erzählers. Durch seine Fragen, mal zweifelnd, mal vorwurfsvoll, mal interessiert, bekommt das Publikum einen Einblick in Johannas Gedanken und damit verbunden in den Handlungsbogen des Musicals. Aus einem verunsicherten Mädchen wird eine junge Frau, die bereit ist, für ihre Überzeugungen zu sterben.

„Große Mädchen weinen nicht“

Musikalisch wird der Abend von den Lüneburger Symphonikern und dem Chor des Theaters getragen. Nuanciert werden die emotionalen Wendungen der Handlung zum Ausdruck gebracht. Besonders überzeugend ist dabei Ulrich Kratz in der Rolle des Herzogs von Bedford. Scheinbar mühelos gelingt es ihm, die erst überhebliche und später geradezu fanatische Entschlossenheit, die aus dem Text spricht, stimmlich zu fassen.

Dass die hinteren Reihen an diesem Abend größtenteils leer geblieben sind, dürfte man beim Schlussapplaus auf der Bühne kaum bemerkt haben. So begeistert fallen die stehenden Ovationen aus. Beim anschließenden Gespräch ist sich das Publikum einig: Lieder wie „Die Seele schreit“, „Große Mädchen weinen nicht“ oder „Orléans“ bleiben im Ohr. Damit hat Jeanne d‘Arc den Musical-Test bestanden.

Von Hannah Feiler