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Kolja Schallenberg und Wallace Jones inszenieren spannende und berührende Bilder. Foto: t&w

Das Überwinden der Angst

Lüneburg. Das Entscheidende an diesem Abend ist, dass es ihn überhaupt gibt. Um die drei Jahre hat der Regisseur Kolja Schallenberg dafür gekämpft, eine Trans*- Tanz-Performance auf die Bühne zu bringen. Es hagelte Absagen von Bühnen. Menschen, die sich als Transgender definieren, als Darsteller und als Thema, das schien nicht zu passen. Nun aber klappte es mit der Uraufführung: „Transparência“ heißt das einstündige Tanztheaterstück, das im T.NT des Theaters Lüneburg großen Anklang fand.

Im falschen Körper aufgewachsen

Transgender sind Menschen, die sich in ihrem Körper unbehaust fühlen, die nicht das Geschlecht empfinden, das ihnen zur Geburt zugewiesen wurde. Sie wachsen sozusagen im falschen Körper heran, geraten unweigerlich in eine Identitätskrise. Vielleicht werden sie den Frau-zu-Mann- oder Mann-zu-Frau-Schritt wagen, vielleicht lassen sie sich nicht auf ein Geschlecht festlegen, vielleicht verbergen sie ihr wahres Ich, ihr Gefangensein lebenslang. Sie sind in einer sich liberal definierenden Gesellschaft Außenseiter, ausgegrenzte Phantome.

Regisseur Schallenberg will das ändern. Er verdient sein Geld vor allem mit Shows, die er für AIDA-Schiffe inszeniert. Das Transgender-Projekt aber ist Herzenssache. Verbündeter Nummer eins ist Wallace Jones, Tänzer am Theater Lüneburg und nun „Transparência“-Choreograph. Gemeinsam schufen sie (als Nicht-Transgender) mit einem Tanz-Quartett Szenen, die mal assoziativ, mal plakativ alles umreißen, was eine Transgender-Identität ausmacht. Der Weg des Abends beginnt mit der alles beherrschenden Angstfrage: „Wer bin ich?“ Und führt zum Stolz: „Ich weiß, was ich will“, heißt es zum Ende in hellem Licht. Etwas Queen-Karaoke – „I was born to love you“ – läuft dem voraus.

Eine Ottomane, dazu (Zerr-)Spiegel und Bilderrahmen, aus denen die vier Darsteller blicken – mehr braucht es nicht als Bühnenbild. Kostüme natürlich, sie gehören zum Wechsel der Geschlechtsidentität.

Der Prozess der Bewusstwerdung

Es gibt keine durchgängige Geschichte, konzentrierte Szenen spiegeln den Prozess der Bewusstwerdung mit allen seelischen Höhe- und Tiefpunkten, zwischen Rausch, Zärtlichkeit, Schmerz, Einsamkeit und Suizid. Das ist eine Menge für 60 Minuten! Dazu schwellen Elektro-Klänge an und ab, und zu einer von Romantik ins Drama kippenden Liebesszene wabert es Wagner.

Es glücken dem Team nicht durchweg, aber ganz überwiegend spannende und berührende Bilder, auch wenn nicht alles tänzerische Extraklasse ist. Aline de Oliveira, die das Projekt künstlerisch mitbetreute, zeigt beim Beginn mit der Sprache von Körper und Händen, wie das Aus-der-Norm-Fallen alles erzittern lässt. Wie de Oliveira bringen auch Beck Heiberg, Josefine Sagawe und Brix Schaumburg eine hochgradig professionelle Ausbildung mit.

Etliche Szenen sind eindeutiger als der Beginn: das Spielzeug, das sich nicht richtig anfühlt. Die Erfahrung von Ablehnung, Hass und Gewalt. Es wird auch mit lustvoller Ironie eine in Text und Szene gehaltene Lektion in Sachen Sex eingebaut. Wer Sex hat, hat ein entspanntes Leben – das ist mal eine Erkenntnis!

Dass einmal eine Art Kardinal über die Bühne streicht, ist als Kritik an aktuellen Positionen der katholischen Kirche zu verstehen. Die kurze Nebenszene steht ziemlich unzusammenhängend im Raum, aber irgendwie musste das Thema auch rein. Es mindert nicht den positiven Eindruck dieses mutigen Abends.

Von Hans-Martin Koch