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Poetry-Slammer Tobias Kunze gibt Esther Harms (links) und Jette Schmiedehausen Tipps für die Umsetzung ihrer Text-Ideen. Foto: be

Weg von der „Glotzgurke“

Lüneburg. Diesen Deutsch-Unterricht werden die 16 Schülerinnen und Schüler der Oberschule am Wasserturm so schnell nicht vergessen: Ein Workshop zum Thema „Wort e machen“, gehalten von keinem anderen als Poetry-Slammer Tobias Kunze.

Ort des Geschehens war das Museum Lüneburg, das im Rahmen der Reihe „Lüneburg liest – Silent Books und Bücher in einfacher und leichter Sprache“ den Hannoveraner eingeladen hatte. Museumspädagogin Ursula Detje schrieb Schulen an und Tutorin Sonja Hauswirth von der Oberschule am Wasserturm erhielt den Zuschlag mit der Jahrgangsstufe 8.

„Cool, mal einen ganz anderen Umgang mit Sprache und Literatur kennenzulernen“, resümierte Esther Harms nach der etwa dreistündigen Veranstaltung. „Es macht Spaß,seiner Kreativität mal freien Lauf zu lassen und zu lernen, wie man sich ausdrücken kann“, ergänzte ihre Freundin Jette Schmiedehausen. Tief beeindruckt waren die Schüler, als Tobias Kunze aus den Begriffen, die er mit den Teilnehmern gesammelt hatte, ganz spontan einen Freestyle-Text vortrug.

„Der Reim ist nur ein Stilmittel“

Das spornte die Achtklässler zu eigenen Texten an. Ob Musik, der geliebte schwarze Hund, die Liebe zur Musik oder die satirisch gemeinte Theorie, dass die Erde doch eine Scheibe sei – alles war möglich, um es in Gedichtform zu gießen, wobei sich die Geschichte, die man erzählen will, nicht unbedingt reimen muss. „Der Reim ist nur ein Stilmittel“, erklärte Kunze.

Zum Aufwärmen galt es Wörter und Umschreibungen für alltägliche Begriffe zu (er)finden. So wurde der Begriff Menschen zu „Würste auf Beinen“, Bäume zu „Atemgeneratoren“, der Fernseher zur „Glotzgurke“ und Schuhe zum „Fußgefängnis“. Der vielfach ausgezeichnete Slammer weiß, dass das Arbeiten mit Sprache eine Art Experimentieren ist. „Es ist wie auf einem weißen Blatt loszuschwimmen oder an einem Berg anzufahren“, macht er den Teenagern Mut. Er werde oft gefragt, woher er seine Ideen nehme. „Ich habe nie aufgehört, Ideen zu haben. Wenn euch etwas passiert, jammert nicht, nehmt es als Idee für etwas, macht etwas daraus“, lautet seine Devise.

„Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg“

„Etwas zu sagen ist einfacher als etwas aufzuschreiben“, lautet das Fazit einer Schülerin. Das kann Kunze verstehen. „Früher schrieb man sich Briefe, musste jeden Satz genau überlegen, denn es gab keine Löschfunktion wie heute beim Whatsappen mit dem Smartphone. Das fehlt heute.“ Daher sei es umso wichtiger, sich mit Sprache zu beschäftigen, denn „Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg und Türöffner für alles Mögliche“, betont der Szene-Profi, der für sein Werkzeug, die Sprache, regelrecht brennt. Und bei aller Mühe, die das Feilen an Sätzen und Wörtern koste, komme auch Spaß an der Sache auf, ein ganz wichtiger Faktor.

Nicht immer muss ein Wettbewerb, ein Slam, das Ziel sein. Es kann auch eine Art Tagebuch sein, „Hauptsache, man reflektiert sich selbst, denn daran wächst man“. Dazu zitierte Kunze die bekannte Volksweisheit aus dem Talmud „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal“.

Phantasie und Kreativität kultivieren

Bei der Abschlussrunde fragte Schüler Moritz Heselitz ganz unverblümt: „Kommst du am Donnerstag?“ Gemeint war der Vortrag der eigenen Texte in der nächsten Deutschstunde. Gerührt und überrascht wand sich der Wort-Akrobat etwas bis er ein paar Termine aus seinem Kalender anführte, die sein Kommen leider unmöglich machen.

Der Schwerpunkt eines Slam-Workshops liege darin, „die eigenen Geschichten mit dem eigenen Wortschatz und den eigenen Ideen zu Papier zu bringen. Phantasie und Kreativität zu kultivieren – um selbst den Alltag mit mehr Phantasie gestalten zu können“, erläutert der 37-Jährige sein Konzept und ergänzt: „Hauptsache, man reflektiert sich selbst, denn daran wächst man.“

Von Dietlinde Terjung

Zur Person

Ausgezeichnetes Multitalent

Der Hannoveraner Tobias Kunze, geboren 1981, gilt als einer der besten Performance-Poeten Deutschlands, ist Bühnenliterat, Autor, Rapper und Kulturveranstalter. Häufig wird er von Bildungs-Institutionen im In- und Ausland gebucht. Mit seiner Band BIG TUNE tourte er schon durch Weißrussland, Serbien und Polen.

Für sein Können sprechen etliche Titel, die er bei Poesiewettbewerben gewann:

  • Sieger bei den European Poetry Slam Days in Berlin 2009
  • NRW-Slam-Champion 2008 und Vize 2009
  • Zweiter auch bei der NDS-Landesmeisterschaft 2011
  • Gewinner des Ernst Jandl Slams in Wien 2011
  • Rap Slam Champion 2007 in Berlin und 2008 in Zürich

Kunze ist auch ein gefragter Moderator: Neben seinen eigenen Slams moderierte er 2009 das Lüneburger lunatic-Festival und den Kiezkongress Hamburg. Seine Poetry Slam-Workshops hält er an Schulen, Unis und anderen Bildungseinrichtungen in Europa.