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„Sieben Arme aus dem Meer“, Installation (Ausschnitt) von Constanze Burgarth. Foto: ff

Ein Strom aus Schrott

Lüneburg. Es sieht nicht gut aus: Die Weltmeere ersticken im Plastikmüll. Zigtausende Tierarten drohen auszusterben durch den zerfallenden Kunststoff, viele verwechseln die Plastikteilchen mit Nahrung. Das gilt auch für alle sieben Arten von Meeresschildkröten, die sich mit Mikroplastik vergiften. Den Müll von der Oberfläche abzufischen, ist ein Anfang, aber keine Lösung: Zwei Drittel des tödlichen Abfalls liegen auf dem Meeresboden.

Constanze Burgarth hat diese schaurigen Fakten gesammelt, zu einer Installation verdichtet: Im Flur des Gebäudes 16 der Leuphana sprudelt ein schwarzer Strom aus Schrott aus der Wand auf den Boden. Das sieht monströs aus, hässlich, und hat zugleich eine düstere Ästhetik, wie aus einem apokalyptischen SciFi-Film – nur eben, dass es der Künstlerin um die Gegenwart geht. Die Arbeit gehört zur BA-Show, die jedes Jahr Hunderte Besucher anlockt: Zum Ende des Sommersemesters präsentieren Lehramtsstudierende des Faches Kunst ihre Bachelor-Abschlussarbeiten im Rahmen einer dreitägigen Ausstellung.

Keller, Treppen und Flure von Gebäude 16

Zu erkunden sind die Flure, Treppenhäuser und Kellerräume des Gebäudes, vor der Haustür gibt es auch noch etwas zu sehen und zu hören, die in einem Bauwagen untergebrachte Soundinstallation „Utopia“ von Natascha Nitschke beispielsweise. Fotografie und Malerei, Zeichnung und Film, Objekte, Plastiken – bis auf die Performance haben die 39 Studierenden so ziemlich alle denkbaren Formen der Bildenden Kunst abgedeckt. Viele Arbeiten sind als Installation angelegt. „Mein Altar der bedeutsamen Dinge“ von Vanessa Kascha ist eine persönliche Reflexion über den Wandel von Bedeutung der heiligen Messe in der Kirche: Der Glaube ist geblieben, aber die Zeremonie hat an Bedeutung verloren. So hat die Künstlerin ihren Altar mit Dingen ausgestattet, die ihr im Leben von Bedeutung waren, Orientierung und Trost bedeuten – vom verstorbenen Großvater bis zum Kaffeegeruch.

Musik, Licht und Film: Die Kombination von Techniken führt zu komplexen Aussagen, die nicht auf einen Blick erfasst werden können, sondern eine gewisse Empathie (und natürlich Geduld) erfordern. Ein anderswo bestehendes Kunstwerk kann der Ausgangspunkt für eine eigene Strategie sein, ein Thema darzustellen. „Geduld ist nicht meine Kernkompetenz“, dieser ironisch gebrochene Satz stammt von einer Krebspatientin, die durch Chemotherapie und das ewige Warten auf Besserung an ihre Grenzen geführt wurde. John A. Douglas hatte das Thema in einer zehnstündigen, von langsamen Bewegungen geprägten Performance aufgegriffen.

Unendlichkeit der Drähte

Janina Bornholdt greift das Motiv nun ihrerseits mit einer Drahtskulptur auf, in der die Unendlichkeit der Drähte auf verschiedenen inhaltlichen Ebenen Bezug nimmt auf das Dialyse-Verfahren. Schmerz, Zerstörung Vergänglichkeit, das sind Stichworte für die Installation „Lebenswert“ von Sandra Waldforst: Von der Decke hängt ein toter, mit weißem Wachs überzogener Körper herab, ein Gerippe vielleicht, auf dem Boden sammeln sich Spiegelscherben, Scheinwerfer leuchten das gruselige Szenario aus und schaffen ein Bild von schrillem Schmerz.

Die BA-Show des Instituts für Kunst, Musik und ihre Vermittlung ist noch bis Mittwoch, 26. Juni, von 14 bis 18 Uhr zu sehen, hören und riechen.

Von Frank Füllgrabe