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Andreas Maier im Gespräch mit Moderatorin Anne Hamilton. Foto: t&w

Was wir waren, was wir sind

Lüneburg. Andreas Maier ist in Hessen geboren, in Bad Nauheim, um genau zu sein – doch Erinnerungen an den Ort seiner Geburt besitzt er kaum. Stärker eingeprägt haben sich Kindheit und Jugend auf dem weitläufigen Familienanwesen in der Nähe von Friedberg, dort ist er aufgewachsen. Friedberg liegt gleichfalls in Hessen, in der Wetterau. Alles, was aus der Kindheit und der Jugend dort folgte, hat Maier in seinem inzwischen siebenbändigen Werk „Ortsumgehung“ zusammengefasst. Jetzt stellte er das Projekt, eingeladen von der Literarischen Gesellschaft, im Heine-Haus vor.

Das berühmte deutsche Wir-Gefühl

Die frühen Jahre, die Beziehungen zu den Eltern und Verwandten, erste Liebe, der Besuch der Universität und das Studium der Philosophie: Maiers Werk kreist quasi um seine Welt, um die Begriffe Heimat, Familie, menschliche Existenz. Das sind durchaus tiefgründige Themen und entscheidende Fragen – Maier präsentiert sie oft mit einem Augenzwinkern, so dass man sich als Zuhörer und Leser seiner Aussagen nie so ganz sicher sein darf. Immerhin, Journalisten gilt er als Experte in Sachen Heimat, der Wetterau wegen. „Auch bezüglich des Themas Atomwirtschaft werde ich gelegentlich befragt“, sagt er, denn darüber hat er einmal eine Zeitungskolumne geschrieben. Ansonsten jedoch hält Maier sich für einen unpolitischen Menschen, für einen, der nicht im Zentrum des Medien- und Literaturtrubels steht, der die Branche inzwischen beherrscht. Das ist vielleicht auch gut so, denn über seine ausgefeilten Sätze muss man ein wenig nachdenken.

Gruppendynamik zum Beispiel, das berühmte, deutsche „Wir-Gefühl“, das spätestens seit der letzten Fußballweltmeisterschaft durch die Gazetten geistert, das ist ihm nicht geheuer. Er ist Einzelgänger: „Im Kindergarten war ich nur einen einzigen Tag“, berichtet Maier. Es stört ihn nicht, dass er sich in Gruppen, auf Partys und in Vereinen nicht wirklich wohl fühlt. Ein unpolitischer Mensch sei er, sagt der Autor – einer, der über das schreibt, was Alltag und Geschichte vieler Menschen ist. Sein Bruder, so erzählt der Autor, behauptet, sein schriftstellerisches Werk sei wie Mineralwasser mit wenig Kohlensäure: Es prickelt ein bisschen, doch dann bleibt nichts davon zurück.

Der Abschied von Zuhause

Dergleichen darf auch nur ein Familienangehöriger behaupten, denn so ist es nicht. Die ersten kleinen Abenteuer der Kindheit, die sich langsam aufbauende Distanz zu den Eltern, das Hinterfragen der elterlichen und großelterlichen Taten in Hitler-Deutschland, der Abschied von Zuhause: Kurzum den Weg, den fast jeder Mensch nimmt, wenn er erwachsen wird, den greift Maier in seinen Büchern auf. Es sind existenzielle Fragen, die sich anschließen – Maier stellt sie und versucht, den Figuren in seinen Geschichten auch Antworten mit auf den Weg zu geben. Seine Bücher sind wie Ortsumgehungen: Schreibend umkreist er die Orte seiner Kindheit und Jugend, die Heimat der Familie, Orte, an denen er ausgebildet wurde, an denen er sich erstmals verliebte.

Heutzutage ist noch vieles da, was er damals gesehen, erlebt, erfahren und manchmal auch erlitten hat. In Bad Nauheim, in Friedberg, Frankfurt und anderswo. Und doch ist es auch anders geworden. Alles, was wir festhalten, sind nur Interpretationen eines Lebensweges – für uns und für die Nachwelt, aber das ist schon mehr als Mineralwasser mit ein bisschen Kohlensäure.

Von Elke Schneefuß