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Kristian Lucas, Merle Hoch und Gerd Achilles bilden – bei jedem Wetter – ein Hollywood-Dream-Team. (Foto: tonwert21.de)

Blühen, glitzern und verglühen

Lüneburg. Das ist ja das Schöne an der romantischen Komödie. Nach fünf Minuten ist klar, wer am Ende wen küsst und das gern schon mal zwis chendurch antestet. Aber die Zeit zwischendurch will gefüllt sein, zwei Stunden und 40 Minuten in diesem Fall. Langeweile wäre der Tod. Also müssen eine Krise her und eine knackige Prise Zoff. Das klappt. Dazu wird gesungen, getanzt und gesteppt, bis der Arzt kommt, fliegen Pointen und flimmern Bilder, auf dass der Beifall fliegt. „Singin‘ in the Rain“ heißt es zum Schluss der Spielzeit im Theater Lüneburg.

Der Tonfilm vernichtet manchen Stummfilmstar

Der Klassiker aus der Blütezeit des Tanzfilms, gedreht 1952 mit Gene Kelly und Debbie Reynolds, funktioniert auch als Musical. Das Stück führt in die Zeit, als der Ton- den Stummfilm tötet. Barbara Bloch hat dafür eine Studioszene gebaut, mit einer bühnenhohen Filmspule als Hingucker. Hier treffen sich blaffende Produzenten, Regisseure, blasierte Stars, dazu diejenigen, die auf ihre Chance lauern und das Publikum, das seine Stars sehen will. Reporterin Dora (Kirsten Patt) füttert das Volk bei jeder Filmpremiere mit Klatsch und Tratsch, so geht es hinein in den Kessel Buntes.

Olaf Schmidt verschränkt in seiner Inszenierung geschickt filmisches Material und szenisches Spiel. Erst sind es Doku-Aufnahmen, dazu aber kommen Filmszenen hinreißender Kuriosität und Ironie, die rund um St. Michaelis gedreht wurden. Ins Zentrum des Geschehens rücken der smarte Filmstar Don Lockwood, dem Gerd Achilles Statur, Stimme und Wandlungsfähigkeit vom Schnösel zum Liebenden gibt. Er singt auch den Titelsong, bei dem es auf der Bühne patsch­enass wird. An Dons Seite steht Cosmo, sein klimpernder Kumpel aus Kindertagen. Kristian Lucas füllt die Rolle mit wunderbar lockerem Witz aus.

So weit, so nett. Die im Kern wichtigste, die tragische Figur der Geschichte ist Filmstar Lina Lamont. Sie ereilt das Pola-Ne­gri-Schicksal: Mit dem Tonfilm verglüht die Karriere. Was bei der real existiert habenden Ne­gri ein starker, dem Publikum nicht vermittelbarer Akzent war, das ist bei Lina Lamont eine nervtötend quäkige Stimme. Beate Weidenhammer spielt die dazu noch mehr mit Körper als Verstand begabte Glitzerfrau lustvoll nach vorn. Lässt Weidenhammer ihre Lina singen, klingt es wie die Auferstehung der legendären Florence Foster Jenkins. Schiefer schön geht es nicht. Doch bei allem Spaß am Klischee scheint die Hilflosigkeit der um ihren Status zappelnden „Allesnichtskönnerin“ durch.

Linas Platz als Star nimmt Kathy Seldon ein. Sie überzeugt den Studioboss, den Ulrich Kratz jovial und selbstgefällig agieren lässt. Vor allem überzeugt Kathy den großen Don Lockwood, die nächste Hollywood-Lovestory steht. Merle Hoch, eine berührende Sängerin, zeigt Kathy als selbstbewusste Frau, die beim Pointensetzen mithalten kann und sich ihre Chance nicht vermasseln lassen will.

Der ganze Abend lebt von Typen, Songs und Dialogen, mehr noch von der angejazzten Musik und vor allem von Bewegung. Die Symphoniker trumpfen mit Streichern auf, die sich romantisch wiegen, und mit dynamischen Blech-Kaskaden, vorangetrieben von Ulrich Stöcker. Er nimmt den brausenden Sound beizeiten zurück, achtet auf die Klangbalance mit Solisten und dem großen, von Phillip Barczewski angeleiteten Chor.

Viele Tupfer machen den Abend bunt

Zwei Stunden und 40 Minuten Showtime: Dazu gehört eine Flut von Kostümen, die Susanne Ellinghaus entwarf. Wie so oft tanzt sich das in dieser Spielzeit wieder extrem geforderte Ballett in die Herzen des Publikums. Das ging bei den Proben nicht ohne Schmerzen zu, nun aber läuft es rund in den Vorgaben von Olaf Schmidt und Steppcoach Sean Stephens.

Es braucht viele Tupfer, um ein Bild bunt zu machen. Weitere setzen Steffen Neutze, Elke Tauber, Wout Geers, Astrid Gerken, Marcus Billen, Alexander Tremmel, Oliver Hennes und Kinderdarsteller, das sind im Wechsel Tomek Endsin, Leonhard von Freymann, Jakob von Mansberg und Justus Tribian.

Die Spielzeit endet mit einem Kracher, auch wenn in Teil eins kurz der Fluss stockt. Mehr Happy-End-Garantie? Ab 6. Oktober!

Sorgen bleiben bestehen

Heute starten die Theaterferien. Zeit, nach einer erfolgreichen, herausfordernden Spielzeit die geschundenen Knochen zu restaurieren, durchzuatmen, die Seele baumeln zu lassen. Aber es gibt ein großes Aber. „Ich will jetzt keine Wutrede halten“, sagt Intendant Hajo Fouquet nach der Premiere. Alle, die fürs Theater kämpfen, haben indes Wut im Bauch, da das Land Niedersachsen zwar eine Anhebung des Etats der kommunalen Theater verheißt, aber eine Mogelpackung als Erfolg verkaufen will.

Das Land beabsichtigt, seinen Anteil an Tarifsteigerungen einzufrieren. Genau das Prozedere war Auslöser der bestehenden Probleme. Denn es bedeutet, dass eine Anhebung der Sockelfinanzierung in kürzester Zeit zerbröselt, die Probleme rasch wachsen. Am Wochenende saß die Landesregierung in Klausur; ob sie bis zur Theaterfrage vorstieß? oc

Von Hans-Martin Koch