Aktuell
Home | Kultur Lokal | Jagd, Waffen und Religion
Rebecca Sampson hat sich als Fotografin auf die Spur ihrer Angehörigen begeben. Foto: t&w

Jagd, Waffen und Religion

Lüneburg. Rebecca Sampson sagt: „Wo es weht tut, da zieht es mich hin.“ Die Fotografin hat eine Serie über Zwangsprostitution in Indien geschaffen und eine Fotoreportage über isoliert lebende Dienstmädchen in Hongkong, die sich ein eigenes Weltgefüge bis hin zum Wandel sexueller Identität schaffen. Rebecca Sampson ist zugleich immer wieder nah dran am eigenen Leben. „The Sampsons“ heißt ein Fotoporträt ihrer Familie im Mittleren Westen der USA. Es geht eine eigentümliche Magie von den Bildern aus, die jetzt in der Kulturbäckerei hängen.

Die in Berlin lebende Deutschamerikanerin nimmt die Tradition fotografischer Reportagen auf. Deren Ursprung liegt gut 150 Jahre zurück. Lange waren die Kameras extrem unhandlich, das technische Prozedere unbequem und langsam. Das änderte sich mit der Erfindung des Rollfilms und handlicher Kameras wie der Leica.

Das Amerika der Provinz

Rebecca Sampsons Vater sammelte Leicas und gab ihr früh eine analoge Kamera in die Hand. Sampson sagt heute: „Die Fotografie hat mich gerettet, hat in mir eine Welt geöffnet.“ Wenn ihre erste große Arbeit Essstörungen umkreiste, dann lässt sich ahnen, was es mit dem Retten auf sich hat. Die 35-Jährige deckelt das Thema nicht, sie wird es mit gefundenem Abstand weiter erkunden. Das zweite persönliche Thema war ihre Familie, sind die Sampsons. Es ist das Amerika der Provinz, in das die Fotografin eintauchte. Die Aufnahmen entstanden zwischen 2008 bis 2010, als Bush und dann Obama Präsident waren.

Die Welt der Sampsons wirkt wie in Sepia-Tönen gebadet. Zu sehen sind Menschen, denen nichts in den Schoß gefallen ist: eine Frau, die Müllwagen fährt; ein Gefängniswärter mit Waffensammlung; eine Nonne; ein pausbäckiger Junge, der ein Dutzend Messer vor sich platziert hat. Den Räumen fehlt Licht, sie wirken muffig. Die Einrichtung ist zweckmäßig mit Bildern im Röhrender-Hirsch-Stil und Möbeln, die wohl schon eine Generation hinter sich haben.

Schönheit und Wärme auf den zweiten Blick

Die Kamera legt eine Art Firnis über eine vergangen wirkende Zeit. Jagd, Waffen, Religion sind wiederkehrende Themen des Blicks, mit dem die Fotografin auf ihre Familie schaut. Sie denunziert nicht, sie klagt nicht an. Sie zeigt Menschen, die sich präsentieren, dann wieder scheinbar Beiläufiges, Zufälliges.

Richtet sie die Kamera mal nicht auf ernst, auch traurig und verloren dreinblickende Menschen, sondern auf das Leben drumherum, dann wird die Welt nicht einladender. Ein Supermarkt, kahl und karg, aber mit USA-Fähnchen. Oder der öde Parkplatz von Stoner‘s Last Chance Saloon. Der Blick über den Asphalt hinaus aber weitet sich in welliges Grün. Es gibt da so etwas wie Schönheit und Wärme auf den zweiten Blick.

Diese Werte sprechen auch aus den Menschenbildern, die nur auf den ersten Blick dokumentarisch nüchtern erscheinen. Tatsächlich ist viel Emotionalität zu spüren. Die Kamera raubt den Menschen nie die Würde. Reportagefotografie firmiert heute auch unter „social documentary photo“. Der Begriff umschreibt mit seinem Verweis auf einen Essay, also eine literarische Gattung, diese Ausstellung recht gut.

Das Geschäft mit der Angst

Rebecca Sampson studierte an der renommierten Berliner Ostkreuzschule, erhielt zahlreiche Stipendien, ist Preisträgerin von „gute aussichten – junge deutsche fotografie“. Eine Auswahl aus den zuvor in den Deichtorhallen präsentierten „aussichten“ war 2018 in der Kulturbäckerei zu sehen. Rebecca Sampson war dabei vertreten, so ergab sich der Kontakt.

Aktuell bebildert die Fotografin das Geschäft mit der Angst. Genauer gesagt das Versicherungswesen, seine Tricks und Zumutungen. Wie das per Fotoreportage Thema werden kann, wird andernorts zu sehen sein. Die in der Regel mit aufklärerischer Intention arbeitende Rebecca Sampson erkundet außerdem denkbare Themen um Lüneburg. Also solche, „wo es weh tut“. Die soll es hier ja auch geben.

„The Sampsons“ als Geschichte einer amerikanischen Familie, als persönlicher Blick ins Innere Amerikas, ist mit einer Auswahl von knapp 30 Bildern noch bis 18. August im Artrium der Kulturbäckerei zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen.

Von Hans-Martin Koch