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Eine Gesellschaft zerfällt im Chaos: Werk ohne Titel (1987) von Werner Steinbrecher. Foto (Ausschnitt): ff

Das Feuer brannte herunter

Lüneburg. Stelen, Collagen aus gerissenen und zerschnittenen Bildern, Worttafeln mit sehr persönlichen, etwas geheimisvollen Aussagen: Wer das Spätwerk von Wern er Steinbrecher (1946-2008) betrachtet, der in einer romantischen Bauernkate in Allenbostel lebte, Malkurse gab und in einer Theatergruppe mitspielte, der wird kaum auf die Idee kommen, dass der Mann ein ganz anderes Vorleben hatte: als Großstadtmensch, durchpulst vom hektischen Blutdruck Berlins, als Schöpfer großformatiger, wilder, bösartiger Bilder. Dieser Zeit widmet sich eine Ausstellung, eine Retrospektive in der Kulturbäckerei.

Der Beginn einer glücklichen Zeit

So eine Ausstellung hatte sich Werner Steinbrecher immer gewünscht, es wurde zeitlebens nichts daraus. Das hängt auch damit zusammen, dass er sich stets dem etablierten Kulturbetrieb entzog, keine Kompromisse eingehen, nicht einmal seine Bilder rahmen lassen wollte. Geboren in Visbek, aufgewachsen in Düsseldorf, studierte er zunächst Architektur in Aachen, dann Malerei in Nürnberg und Berlin. Dort gründete er 1977, kurz vor Beendigung des Studiums, mit vier Kollegen die Künstlergruppe Ratgeb, benannt nach dem Maler Jörg Ratgeb (vermutlich 1480-1526).

Es begann eine glückliche Zeit für Werner Steinbrecher. Die Gruppe verschrieb sich der politischen Wandmalerei und erhob den Anspruch, gesellschaftspolitische (Fehl-)Entwicklungen transparent zu machen. Mit dieser Aufklärungsarbeit bezog sich die Gruppe auf ihren Namensgeber, der mit seinen Gemälden gewissermaßen die Bibel den Analphabeten erklärte. Zum Domizil von Ratgeb wurde die „Galerie 70“ von Michael Schröder, der bis zuletzt zu einem der engsten Freunde Steinbrechers war.

Apokalyptische Szenarien

Diese Zeit, also, bis zum Umzug Steinbrechers 1989 nach Allenbostel, bildet den Schwerpunkt der Retrospektive. Politische Aufbruchstimmung, Radikalisierung, Feminismus, Umweltschutz, Häuserkampf, all das sog der Maler in sich auf und verarbeitet es zu Bildern, die sich mal den wütenden Attacken eines Otto Dix nähern, mal Ähnlichkeiten mit dem „Cafe Deutschland“ seines Kollegen Jörg Immendorff zeigte: apokalyptische Szenarien voller Scheinheiligkeit, die Nazis, die nie wirklich verschwunden waren, kehren zurück, die staatliche Gewalt wendet sich gegen ihre eigene Gesellschaft. Steinbrecher malte, verkaufte aber nichts, blieb außerhalb der Fachwelt unbekannt. Dennoch wurde er zu einem wichtigen Kommentator der Siebziger und Achtziger Jahre. Als sich die Gruppe Ratgeb 1985 auflöste, fühlte sich der geschockte Steinbrecher heimatlos. Er hielt es noch ein Weile in Berlin aus und floh schließlich in die Provinz.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

„Wenn Werner morgens aus dem Fenster schaute, blickte er auf Rübenfelder“, erzählte Michael Schröder auf der Vernissage, „und ich habe ihn gefragt: ‚Wo nimmst Du nun Deine Inspirationen her?‘ Er antwortete: ‚Aus den Gesprächen mit dir.‘“ Werner Steinbrecher hatte versucht, wieder Wurzeln zu schlagen, beteiligte sich sogar an der Arbeitsgruppe „Unser Dorf soll schöner werden“. Er näherte sich den Künstlergruppen der Region an, wurde freier und vielseitiger in seiner Technik, fühlte sich nicht mehr der drängenden Tagesaktualität verpflichtet. Es gab gute Zeiten, schlechte Zeiten, ein brennender Künstler war Werner Steinbrecher wohl nicht mehr. Er starb an Lungenkrebs.

Die Ausstellung „Bildner“ in der Kulturbäckerei läuft bis 18. August. Sie wird begleitet von einem biographischen Katalog (88 Seiten), herausgegeben von der Sparkassenstiftung, geschrieben und kuratiert von Clemens Mädge, Carsten Junge und Kristin Halm. Grundlage ist der Nachlass Werner Steinbrechers, der natürlich nur zu einem kleinen Bruchteil gezeigt werden kann – der allergrößte Teil wird von Michael Schröder und dem Kunstarchiv der Sparkasse betreut.

Von Frank Füllgrabe