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Oliver Wille spielt seit seinem fünften Lebensjahr Geige. (Foto: Kay-Christian Heine)

Brauchen wir Neue Musik?

Hitzacker. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall steht Deutschlands ältestes Kammermusikfestival unter dem Motto „…grenzenlos…“. Die 74. Sommerlichen Musiktage Hitzacker setzen vom 27. Juli bis 4. August gleichermaßen auf die Pflege des klassisch-romantischen Repertoires wie auf die Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer Musik. Intendant ist seit 2016 der Geiger Oliver Wille, 1975 in Ost-Berlin geboren, Mitglied im Kuss Quartett und Professor für Streicherkammermusik in Hannover. Das älteste bundesdeutsche Kammermusikfestival findet vom 27. Juli bis 4. August zum 74. Mal statt. Im Interview spricht Oliver Wille über die Situation der Kammermusik, die Notwendigkeit Neuer Musik und das aktuelle Programm.

Wie würde es ohne Festivals heute um die Kammermusik stehen?

Wille: Ich würde die Frage auf die gesamte klassische Musik erweitern wollen. Als es 1986 mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival losging, entstanden Möglichkeiten, bei denen das Publikum intensiver in musikalische Erlebnisse eintauchen konnte. Das kommt der Kammermusik sicher besonders zugute. Die Musiklandschaft hat sich seither umformiert: Es gibt heute beinahe mehr Festivals als Konzertabo-Reihen. Festivals bieten die Chance, neue Formate voranzubringen und Musik anders zu erleben. Das färbt auch stark auf den traditionelleren Konzertbetrieb ab. Hitzacker war bei diesen Entwicklungen immer ein Vorreiter. Einer meiner Vorgänger zum Beispiel, Markus Fein, war meines Wissens der erste, der Themenfestivals geschaffen hat. Der Wandel entspricht heutigen Lebensentwürfen und Zeitbudgets. Festivals lassen sich auch mit Urlaub und Landschaftserlebnissen verbinden.

Sind Festivalbesucher Neuer Musik gegenüber aufgeschlossener als im Abo-Betrieb?

Das kommt sicher auf das Festival an. Hier in Hitzacker gibt es schon immer die Erwartung, Neues zu entdecken. Dadurch ist es von vornherein leichter, Interesse zu wecken. Wer zu den Sommerlichen Musiktagen kommt, hat nicht das Gefühl: Ich gehe ins verstaubte Museum. Natürlich aber bieten wir auch den Klassikern der Kammermusik gebührend Raum. Mein Anspruch ist, Konzerterlebnissen Relevanz zu geben, sei es durch Brüche im Programm, neue Musik, überraschende Konzepte oder bahnbrechende Interpretationen.

Der Kanon klassischer Konzerte speist sich überwiegend aus 300 Jahren und von einer überschaubaren Zahl von Komponisten. Warum fällt es neuen Werken schwer, so etwas wie Sogwirkung zu entwickeln?

Das liegt an allen. An Musikern, die sich damit herausreden, dass das Publikum das ja gar nicht will. An Veranstaltern, die ebenfalls glauben, dass die Leute wegbleiben. Aber es ist unsere Pflicht, mit Neuer Musik verantwortlich umzugehen, mit Komponisten wie Enno Poppe, Jörg Widmann, die wir zum Beispiel in diesem Sommer präsentieren. Oder Aribert Reimann, der zum Auftakt kommen wird. Musik braucht Brüche, das Schlimmste für mich ist Neue Musik, die versucht, populär zu sein.

Das Motto „…grenzenlos…“ nimmt Bezug auf den Mauerfall vor 30 Jahren.

Wir sind in Hitzacker unmittelbar an der damaligen Grenze, blicken vom Festspielhaus über die Elbe ostwärts. Es ist ja eine Wahnsinnsgeschichte, dass es hier im Westen die kulturelle Zonenrandförderung gab, durch die das Festival größer wurde und das mit Verantwortlichen, die Neues wagten.

Ich bin in der DDR geboren, war 14 Jahre, als die Mauer fiel und habe über die Musik die Welt kennengelernt. Mit dem Mauerfall begann ein Lernen und Erleben von Freiheit, das wollen wir bei den Sommerlichen Musiktagen fokussieren.

Wie geschieht das?

Wir haben Künstler geladen, die für das Überwinden von Grenzen stehen. Allen voran Gidon Kremer, der lange zwischen Ost und West stand. „Grenzen überwinden und Brücken bauen“ heißt ein Dokumentarfilm über ihn. Wir sind stolz, dass der große Musiker, der ja seinen Abschied angekündigt hat, nach Hitzacker kommt. Zu nennen wäre auch der türkische Pianist und Bürgerrechtler Fazil Say. Ganz anders grenzenüberwindend ist der Cellist Steven Isserlis, der auch ein Stück spielen wird, von dem er selbst sagt, dass es eigentlich unspielbar sei. Am Dienstag, beim Stimmen-Tag, wird uns noch ein hochrangiger Überraschungsgast aus der niedersächsischen Politik besuchen, dessen Eltern aus Oberschlesien kamen.

Ihr Vertrag für die Musiktage ist nicht befristet.

Ja, ich plane schon 2021.

Sehen Sie denn in der Region, die als strukturschwach gilt, Potenziale, die noch nicht ausgeschöpft wurden?

Die Region hat sicher noch viel Potenzial, aber es fehlt an Infrastruktur. Nach den Konzerten fährt keine Fähre über die Elbe, die Anbindung an Großstädte fehlt. Es gibt auch keine Großsponsoren, etwa ein Autohaus, auf die wir bauen können. Zum Glück haben wir aber einige stabil zu uns stehende Förderer. Wir sind auf Unterstützung angewiesen, erwirtschaften etwa ein Drittel unseres bei 400 000 Euro liegenden Etats aus Eigenmitteln, durch unsere Vereinsmitglieder und rund 10 0000 Besucher. Das ist ein starker Wert für ein Festival.

Wenn Sie sich was wünschen dürften…

… dann eine bessere Ausstattung des Saals im Verdo. Der ist toll, aber auf dem Stand von 1975. Ich würde mir auch wünschen, dass die Region noch stärker zu uns steht. Und dass sich die Bürokratie ändert: Es ist ein irrwitzig mühsames Geschäft für einen ehrenamtlich arbeitenden Vorstand, Förderer zu gewinnen und die Abwicklung zu betreuen.

Von Hans-Martin Koch